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Empirische Forschung: Definition, Methoden, Leitfaden

Empirisch heißt nicht automatisch Zahlen und nicht automatisch eigene Erhebung. Welcher Weg zu deiner Frage passt und was vorher rechtlich feststehen muss, klären wir Schritt für Schritt.

Autorin bei empirio.ai - Maria Malzewvon Maria MalzewAktualisiert am 8. September 2026Lesezeit 16 Min.

Heuer bekommen in Österreich pro Quartal 22 500 Haushalte Post von Statistik Austria mit der Aufforderung, am Mikrozensus teilzunehmen. Wer den Brief aufmacht, hält ein Stück empirische Forschung in Händen, ohne dass das Wort irgendwo auftaucht.

Im Studium wirkt der Begriff dagegen viel enger, als er ist. Für die einen heißt empirisch: selbst einen Fragebogen bauen. Für die anderen: eine Tabelle voller Prozentwerte. Für die dritten schlicht alles, was nicht Theorie ist. Keine dieser drei Auskünfte trifft den Kern.

Empirische Forschung beantwortet eine Forschungsfrage systematisch mit Material aus der beobachtbaren Wirklichkeit, statt sie allein aus Literatur und Argumenten herzuleiten, wobei es für diese Einordnung keine Rolle spielt, ob das Material aus Messwerten oder aus Gesprächsprotokollen besteht und ob du es selbst sammelst oder aus einem Archiv beziehst. Nach diesem Leitfaden weißt du, welcher Weg zu deiner Fragestellung passt, was vor der ersten Frage geklärt sein muss und wie du deine Wahl im Methodenteil begründest.


📌 Das Wichtigste im Überblick

  • Empirische Forschung klärt eine Frage am Material, nicht am Argument.
  • Empirisch und quantitativ sind zwei Paar Schuhe: ein Interview zählt genauso.
  • Fertige Daten sind erlaubt, AUSSDA gibt Datensätze kostenlos ab, auch an Studierende.
  • Vor der ersten Frage stehen Rechtsgrundlage und Einwilligung nach DSG Art. 2 § 7.
  • Eine Literaturarbeit ist ein eigenständiges Vorgehen, kein Ausweichmanöver.

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Empirie im Studium: was der Begriff meint und was nicht

Empirische Forschung bezeichnet ein Vorgehen, bei dem eine Forschungsfrage über die planmäßige Sammlung und Auswertung von Material aus der beobachtbaren Wirklichkeit geklärt wird. Den Gegenpol bildet nicht die Literatur, sondern die bloße Behauptung.

Sprachlich stammt der Ausdruck vom griechischen empeiria, also von der Erfahrung. Genau dort beginnt die Verwechslung, denn Erfahrung sammelt auch, wer sich im Turnverein umhört. Was die empirische Vorgangsweise vom Hausverstand trennt, ist nicht die Erfahrung, sondern der geregelte Umgang mit ihr.

Vier Unterschiede machen den Abstand greifbar. Hausverstand entsteht nebenbei, eine Untersuchung folgt einem Plan, der vor der ersten Beobachtung feststeht. Hausverstand merkt sich, was ins Bild passt, eine Untersuchung protokolliert auch die Fälle, die stören. Hausverstand kommt mit ungefähren Wörtern aus, eine Untersuchung muss jeden Begriff so festzurren, dass er sich erheben lässt. Und Hausverstand bleibt privat, während eine Untersuchung so dokumentiert wird, dass fremde Leute den Weg nachgehen können.

MerkmalHausverstandEmpirische Untersuchung
Anlasszufällige Begegnungvorab formulierte Fragestellung
Auswahl der Fällewer gerade greifbar istfestgelegtes Auswahlverfahren
Gegenbeispielebleiben unbeachtetwerden erhoben und berichtet
Prüfbarkeitnur persönlich glaubhaftVorgehen ist offengelegt

Wichtig bleibt die Umkehrung: Nicht jede wissenschaftliche Arbeit ist empirisch, und darin liegt kein Mangel. Eine mathematische Herleitung, eine juristische Auslegung oder eine begriffsklärende Abhandlung gelten als wissenschaftliche Arbeit ohne eine einzige erhobene Zahl. Empirie taugt für eine bestimmte Sorte Frage und ist kein Gütezeichen für Wissenschaftlichkeit.

Zwei Merksätze aus dem Seminar, die so nicht stimmen

Zwei Behauptungen über empirische Forschung halten sich hartnäckig, obwohl beide bei genauerem Hinsehen zerfallen. Ihre Wirkung ist ganz praktisch: Studierende wählen ein aufwendigeres Vorgehen, als ihre Frage verlangt.

Wir nehmen die beiden nacheinander auseinander, weil sie an verschiedenen Stellen Schaden anrichten. Der erste Merksatz kostet dich passende Methoden, der zweite kostet dich passende Daten.

Merksatz eins: empirisch heißt mit Zahlen

Empirisch und quantitativ decken sich nicht. Acht Leitfadengespräche mit Lehrlingen in einem Grazer Metallbetrieb sammeln Material über die beobachtbare Wirklichkeit, werten es geregelt aus und ergeben eine vollwertige empirische Arbeit, obwohl am Schluss kein einziger Prozentwert steht. Die Achse quantitativ gegen qualitativ betrifft die Art des Materials, nicht die Frage, ob überhaupt Material erhoben wird.

Der Merksatz hat eine Nebenwirkung, die im Methodenkapitel sichtbar wird. Weil viele Ratgeber Objektivität, Reliabilität und Validität zur Bedingung jeder Empirie erklären, geraten qualitative Arbeiten unter ein Maß, für das sie nie gebaut wurden. Diese drei Größen stammen aus der quantitativen Testtheorie. Für qualitative Forschung existieren eigene Kataloge, und wer den falschen anlegt, hält die eigene Arbeit für methodisch schwach, obwohl sie es nicht ist.

Merksatz zwei: Empirie ist das Gegenteil einer Literaturarbeit

Die Gegenüberstellung von empirischer Arbeit und Literaturarbeit widerlegt sich selbst, sobald man sie zu Ende denkt. Eine Metaanalyse und ein systematisches Review greifen ausschließlich auf vorhandenes Material zu und bleiben trotzdem empirisch, weil sie Befunde aus veröffentlichten Studien sammeln, verschlagworten und auswerten. Nicht zufällig führen dieselben Ratgeber, die den Gegensatz aufmachen, wenige Zeilen später die Metaanalyse als empirische Methode an.

Die saubere Trennlinie verläuft nicht zwischen eigenen Daten und Literatur, sondern zwischen zwei Tätigkeiten: an einem Material nach festen Regeln arbeiten oder den Forschungsstand ordnen und argumentativ einordnen. Der erste Fall ist empirisch, auch ohne eigene Erhebung. Der zweite Fall ist eine theoretische Arbeit, selbst wenn dafür hunderte Studien gelesen werden.

💡 Tipp

Halte deine geplante Arbeit gegen eine einzige Frage: Bleibt am Ende ein Material übrig, das du nach vorher festgelegten Regeln durchgearbeitet hast? Lautet die Antwort ja, arbeitest du empirisch. Ob dieses Material aus Fragebögen, Transkripten oder vierzig verschlagworteten Studien besteht, ändert daran nichts.

Quantitativ, qualitativ, gemischt: welcher Zugang zu welcher Frage passt

Die Methode ergibt sich aus der Forschungsfrage und nicht aus persönlicher Vorliebe. Fragen nach Häufigkeit, Verteilung oder Zusammenhang verlangen Zahlen, Fragen nach Deutung, Motiv oder Ablauf verlangen Text.

Formuliere deine Frage also so scharf, dass sich die Materialart daraus ablesen lässt. „Wie zufrieden sind Studierende einer Fachhochschule in Oberösterreich mit dem Berufspraktikum?“ ruft nach einer standardisierten Erhebung. „Woran machen Studierende fest, ob ihnen das Praktikum etwas gebracht hat?“ ruft nach Gesprächen. Beide Fragen betreffen dieselbe Sache und führen zu ganz verschiedenen Forschungsmethoden. Wackeln schon die Grundbegriffe, hilft der Beitrag Was ist eine Umfrage? weiter.

Quantitative Methoden: messen und vergleichen

Quantitative Forschung legt ein Merkmal so fest, dass es sich bei vielen Fällen auf dieselbe Art erfassen lässt. Das Instrument der quantitativen Forschung steht vor dem Feldbeginn fest und bleibt danach unverändert, weil sonst die Vergleichbarkeit bricht. Üblich sind standardisierte Befragungen, strukturierte Beobachtungen, quantitative Inhaltsanalysen und Experimente. Bezahlt wird die Vergleichbarkeit mit Tiefe, denn was der Fragebogen nicht vorsieht, erscheint auch in den Daten nicht.

Qualitative Methoden: verstehen und rekonstruieren

Qualitative Forschung hält das Vorgehen bewusst offen, damit im Material auftauchen kann, womit niemand gerechnet hat. Zur qualitativen Forschung gehören Leitfadengespräche, Gruppendiskussionen, teilnehmende Beobachtungen und qualitative Inhaltsanalysen. Der Leitfaden gibt Themen vor, weder Wortlaut noch Reihenfolge. Die Fallzahlen bleiben klein, die Auswertung frisst Zeit, und die Ergebnisse gelten zunächst für die untersuchten Fälle.

Mixed Methods: beide Zugänge in einer Arbeit

Mixed Methods verbindet beide Zugänge in einem Design, statt sie auf zwei Arbeiten zu verteilen. Häufig beginnt eine Diplomarbeit mit wenigen Gesprächen, um das Feld überhaupt kennenzulernen, und prüft die daraus gewonnenen Vermutungen danach mit einem standardisierten Bogen. Umgekehrt geht es genauso: erst erheben, dann nachfragen, um auffällige Werte zu erklären. Die Verbindung gehört im Methodenteil begründet, sonst wirken zwei halbe Studien wie eine überfrachtete Arbeit.

ZugangPasst zu Fragen nachTypisches Instrument
QuantitativHäufigkeit, Verteilung, Zusammenhangstandardisierter Bogen, Experiment
QualitativBedeutung, Motiv, AblaufLeitfadengespräch, Gruppendiskussion
Mixed MethodsVerbreitung und Erklärung zugleichGespräche plus Fragebogen

Woher dein Material kommt: selbst erheben oder Vorhandenes nutzen

Fast jede Anleitung setzt voraus, dass eine empirische Arbeit mit einer eigenen Erhebung startet. Bekannt ist dieser Weg, der einzige ist er nicht, und für viele Fragen nicht einmal der beste.

Die Rechnung fällt oft gegen die Eigenerhebung aus. Instrument, Feldphase und Datenaufbereitung kosten dich mehrere Wochen und enden häufig bei einer Handvoll Antworten aus dem eigenen Jahrgang. Ein bestehender Datensatz liefert dir am ersten Tag mehrere tausend Fälle mit dokumentiertem Auswahlverfahren. Aufgeben musst du dafür die Freiheit bei den Fragen, denn auswerten lässt sich nur, was damals erhoben wurde.

Vier Wege zu deinem Datenmaterial

Vier Wege stehen dir offen, und sie schließen einander nicht aus. Viele gelungene Abschlussarbeiten stellen eine kleine eigene Erhebung neben einen Referenzdatensatz, der zeigt, wie die eigene Stichprobe im Vergleich zur Wohnbevölkerung aussieht.

  1. Eigene Erhebung. Du baust ein Instrument und führst die Datenerhebung selbst durch. Volle Kontrolle über die Fragen, voller Aufwand.
  2. Sozialwissenschaftliches Datenarchiv. AUSSDA, The Austrian Social Science Data Archive, ist eine Core Facility der Universität Wien und hält Datensätze zur Zweitauswertung bereit.
  3. Amtliche Mikrodaten. Statistik Austria erhebt mit dem Mikrozensus laufend Angaben zu Arbeit, Bildung und Wohnen, die Datensätze wandern anschließend ins Archiv.
  4. Veröffentlichte Studienbefunde. Für ein systematisches Review oder eine Metaanalyse bilden die Ergebnisse fremder Studien selbst das Material.

Was AUSSDA und der Mikrozensus hergeben

Kosten entstehen bei AUSSDA keine. Das Archiv hält in den eigenen FAQ fest: „Archivierung als auch der Bezug von Datensätzen bei AUSSDA sind kostenlos“, und nennt Studierende ausdrücklich als zugangsberechtigt, weil auch sie „einen wissenschaftlichen Zweck“ verfolgen. Getragen wird AUSSDA von einem Konsortium aus der Universität Wien und acht weiteren Einrichtungen.

Für österreichische Fragestellungen liegt der stärkste Hebel beim Mikrozensus. Statistik Austria zieht pro Quartal 22 500 Haushalte per Zufallsauswahl aus dem Zentralen Melderegister, und die Mikrozensusdaten ab 1973 liegen laut AUSSDA exklusiv und kostenlos im Archiv. Wer zu Erwerbstätigkeit, Bildung oder Wohnen arbeitet, bekommt damit eine Grundlage, die keine studentische Erhebung erreicht.

Ein Detail lohnt den Blick ins Gesetz. Für den Mikrozensus besteht Auskunftspflicht, festgelegt in § 8 der Erwerbs- und Wohnungsstatistikverordnung 2010. Die jährlich wechselnden Zusatzmodule sind davon ausgenommen, denn nach § 9 Abs. 2 derselben Verordnung unterliegt eine ergänzend durchgeführte Befragung nicht der Auskunftspflicht, sofern keine gesonderte rechtliche Anordnung besteht. Kernerhebung verpflichtend, Modul freiwillig, daher die unterschiedlichen Fallzahlen (Stand: September 2026).

Die Belege im Einzelnen: die FAQ von AUSSDA zu Kosten und Zugang, die Übersicht Daten finden bei AUSSDA und die Erhebungsseite von Statistik Austria zum Mikrozensus.

Entscheidest du dich für eine eigene Erhebung, führt der übliche Weg über das Netz. Warum die Online-Umfrage als empirische Forschungsmethode trägt und wen sie systematisch verfehlt, steht im eigenen Beitrag dazu. Wie sie sich gegenüber Post, Telefon und persönlichem Interview schlägt, zeigt der Beitrag zur Online-Befragung mit ihren Vorteilen und Grenzen.

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Der Ablauf einer empirischen Untersuchung in sechs Weichenstellungen

Die Fachliteratur teilt den Forschungsablauf unterschiedlich fein ein, meist in fünf bis neun Phasen. Wichtiger als die Zahl der Phasen ist die Einsicht dahinter: An sechs Stellen fällt eine Entscheidung, die alles Weitere festlegt.

Die Reihenfolge ist keine Empfehlung, sondern eine Abhängigkeitskette. Wer das Auswertungsverfahren erst nach der Feldphase wählt, stellt mitunter fest, dass die Skalen die geplante Rechnung gar nicht hergeben. Punkt sechs gehört deshalb gedanklich schon zu Punkt drei.

  1. Forschungsfrage festlegen. Die Forschungsfrage muss eng genug sein, dass sich eine Erhebung daraus ableiten lässt. Sie legt zugleich fest, ob du beschreibst, erklärst oder erkundest.
  2. Hypothesen bilden, wo sie hingehören. Prüfende Untersuchungen brauchen Hypothesen, erkundende nicht. Eine explorative Arbeit mit erzwungenen Hypothesen zählt zu den häufigsten Anfängerfehlern.
  3. Forschungsdesign wählen. Das Forschungsdesign hält Methode, Erhebungszeitpunkte und Fallauswahl fest. Hier entscheidet sich auch, ob einmal oder mehrfach erhoben wird.
  4. Begriffe erhebbar machen. „Studienzufriedenheit“ ist noch keine Variable, sondern ein Wort. Erst die Übersetzung in konkrete Fragen und Antwortstufen macht sie messbar.
  5. Stichprobe bestimmen. Verfahren und Umfang der Stichprobe entscheiden, worüber du am Schluss reden darfst und worüber nicht.
  6. Auswertung festlegen. Welches der Auswertungsverfahren infrage kommt, hängt an Materialart und Skalenniveau, nicht am eigenen Wunsch.

Den vollständigen Ablauf mit Beispiel, Zeitplan und den typischen Stolperstellen je Phase findest du im Beitrag zum empirischen Forschungsprozess.

Datenschutz und Ethik: was vor der ersten Frage feststehen muss

Sobald du Menschen befragst, verarbeitest du personenbezogene Daten, und zwar ab der ersten Antwort. Nachträglich lässt sich dieser Punkt nicht reparieren, denn eine Erhebung ohne Rechtsgrundlage wird nicht dadurch zulässig, dass die Daten später anonymisiert werden.

Die Rechtslage in Österreich ruht auf zwei Säulen. Neben der Datenschutz-Grundverordnung gilt das Datenschutzgesetz, dessen Forschungsklausel in Art. 2 § 7 DSG steht. Aufsicht führt die Datenschutzbehörde, die nach Art. 2 § 18 Abs. 1 DSG „als nationale Aufsichtsbehörde gemäß Art. 51 DSGVO eingerichtet“ ist.

Rechtsgrundlage: in aller Regel die Einwilligung

Für studentische Erhebungen ist die Einwilligung der Normalfall. Art. 2 § 7 Abs. 2 DSG nennt für Forschungsdaten, die weder öffentlich zugänglich noch pseudonymisiert vorliegen, genau drei Grundlagen: eine besondere gesetzliche Vorschrift, die Einwilligung der betroffenen Person oder eine Genehmigung der Datenschutzbehörde. Wer auf die Einwilligung verzichtet, landet also im Genehmigungsverfahren, und das sprengt den Zeitplan einer Abschlussarbeit.

Eine zweite Pflicht wird oft übersehen. Nach Art. 2 § 7 Abs. 5 DSG ist der Personenbezug „unverzüglich zu verschlüsseln“, sobald ein Arbeitsschritt auch mit pseudonymisierten Daten auskommt, und er ist gänzlich zu beseitigen, sobald er nicht mehr gebraucht wird. Praktisch heißt das: Namensliste und Datensatz getrennt halten, die Zuordnung löschen, sobald die Transkripte stehen. Nachzulesen ist die Bestimmung im Rechtsinformationssystem des Bundes (Stand: September 2026).

Ethikvotum: je nach Universität und je nach Vorhaben

Eine bundesweit einheitliche Pflicht zum Ethikvotum besteht für studentische Arbeiten nicht. An der Universität Wien nimmt die Ethikkommission Vorhaben aus Master- und Diplomarbeiten an, allerdings mit einer Besonderheit: Eingereicht wird ausschließlich über die Betreuung oder das Studienrechtliche Organ, du stellst den Antrag also nicht selbst. Bachelorarbeiten führt die Zuständigkeitsliste nicht an.

Entscheidend ist der Zeitpunkt. Bereits begonnene oder abgeschlossene Projekte begutachtet die Kommission nicht, das Votum muss deshalb vor der ersten Erhebung vorliegen. Andere Universitäten ziehen die Grenze bei der ethischen Heikelkeit eines Vorhabens, etwa bei Befragungen von Kindern und Jugendlichen oder wenn die Anonymität wackelt. Die Zuständigkeiten stehen auf der Seite zur Antragstellung bei der Ethikkommission der Universität Wien.

⚠️ Achtung

Eine Befragung für die Bachelorarbeit fällt nicht unter die Haushaltsausnahme, weil sie keinem privaten Zweck dient. Steht eine Universität, ein Verein in Graz oder ein Unternehmen dahinter, braucht das eingesetzte Umfrage-Werkzeug einen Auftragsverarbeitungsvertrag nach Art. 28 DSGVO. Kläre vor der Werkzeugwahl, ob dein Anbieter einen bereitstellt.

Zuständig für den Einzelfall ist die Datenschutzbeauftragte oder der Datenschutzbeauftragte deiner Universität, bei ethischen Fragen deine Betreuung. Dieser Beitrag ersetzt weder eine Rechtsberatung noch die Auskunft deiner Hochschule.

Wann deine Abschlussarbeit ohne eigene Empirie auskommt

Viele Arbeiten beginnen mit dem Vorsatz, etwas Empirisches zu machen, und suchen erst danach eine passende Frage. Verkehrt ist diese Reihenfolge, und sie erzeugt jene Umfrage mit 43 Antworten aus dem eigenen Jahrgang, die am Ende nichts trägt.

Die ehrliche Prüfung läuft andersherum. Manche Fragen sind mit vorhandener Literatur oder mit vorhandenen Daten besser beantwortet als mit einer eigenen Erhebung. Und manche Studienpläne verlangen einen empirischen Teil ausdrücklich. Beides gehört geklärt, bevor du ein Thema anmeldest.

Wenn deine Frage …… dann passt
nach dem Stand der Forschung fragteine Literaturarbeit
viele Einzelbefunde bündeln willein systematisches Review
Häufigkeiten in einer großen Gruppe betriffteine Zweitauswertung vorhandener Daten
auf eine kaum erforschte Gruppe zielteine eigene qualitative Erhebung
einen konkreten Zusammenhang prüfen solleine eigene quantitative Erhebung

Eine Literaturarbeit ist keine Notlösung für alle, die niemanden zum Mitmachen finden. Sie steht als eigenständiges Vorgehen mit eigenen Ansprüchen da: nachvollziehbare Suchstrategie, begründete Auswahl der Quellen, Einordnung statt Aufzählung. Wer das sauber erledigt, liefert mehr ab als eine dünn besetzte Umfrage.

Verlangt dein Studienplan dagegen einen empirischen Teil, gilt seine Vorgabe. Wie sich dieser Teil in die Gliederung einer Diplom- oder Masterarbeit einfügt, steht im Beitrag zur empirischen Bachelorarbeit und Masterarbeit. Das Universitätsgesetz 2002 hält in § 51 Abs. 2 Z 8 nur fest, dass Diplom- und Masterarbeiten die wissenschaftlichen Arbeiten in den jeweiligen Studien sind, und überlässt die Ausgestaltung den Universitäten.

Woran eine belastbare empirische Arbeit erkennbar ist

Ob eine Untersuchung trägt, entscheidet nicht die Zahl der Fälle, sondern die Passung zwischen Frage und Vorgehen sowie dessen Offenlegung. Dafür gibt es Gütekriterien, und der häufigste Fehler besteht im Griff zum falschen Katalog.

Für quantitative Untersuchungen gelten Objektivität, Reliabilität und Validität. Objektivität bedeutet, dass das Ergebnis unabhängig davon ausfällt, wer erhebt und auswertet. Reliabilität bedeutet, dass eine Wiederholung unter gleichen Bedingungen zum gleichen Wert führt. Validität bedeutet, dass ein Instrument tatsächlich erfasst, was es erfassen soll. Gerade die dritte Bestimmung wird oft verdreht, etwa zur Frage, ob die Ergebnisse die Forschungsfrage beantworten. Gemeint ist etwas anderes.

Für qualitative Untersuchungen wurden eigene Kataloge entwickelt, weil Wiederholbarkeit dort kein sinnvoller Maßstab ist. Im Mittelpunkt stehen die Nachvollziehbarkeit des Vorgehens, die Angemessenheit der Methode gegenüber dem Gegenstand und die Offenlegung der eigenen Rolle im Feld. Welcher Katalog zu deiner Arbeit passt, zeigt der Beitrag zu den Gütekriterien qualitativer und quantitativer Forschung.

Eine Untersuchung wird nicht durch viele Fälle gut, sondern dadurch, dass jemand Fremdes sie Schritt für Schritt nachgehen kann.

Als Referenzwerk für beide Zugänge gilt im deutschsprachigen Raum Döring, Nicola (2023): Forschungsmethoden und Evaluation in den Sozial- und Humanwissenschaften, 6. Auflage, Springer. Die viel zitierte 4. Auflage von Bortz und Döring aus 2006 liegt zwei Auflagen zurück und taugt heute nicht mehr als Beleg. Nachweisbar ist die Ausgabe bei Springer.

Vier Fehler, die bei der ersten empirischen Arbeit fast immer auftauchen

Vier Fehler kehren in Abschlussarbeiten mit großer Verlässlichkeit wieder. Gemeinsam ist ihnen, dass sie früh entstehen und spät auffallen, meist erst dann, wenn die Daten schon im Kasten sind.

Wer sie kennt, steuert in der Planung dagegen. Ein paar Tage Nachdenken sparen im Zweifel eine ganze Feldphase.

Die Methode kommt vor der Frage

Wer beschließt, eine Umfrage zu machen, und danach überlegt, was er fragen könnte, dreht die Abhängigkeit um. Heraus kommen Bögen, die vieles streifen und nichts beantworten. Zuerst steht die Frage, aus ihr folgt die Methode. Liegt die Methode aus praktischen Gründen fest, etwa weil deine Betreuung sie vorgibt, dann passt sich die Frage an, bevor der Bogen entsteht.

Die Stichprobe besteht aus lauter Bekannten

Eine Umfrage, die über den Jahrgangschat und ein paar Storys läuft, erreicht Menschen, die einander ähneln. Solange das im Methodenteil steht und die Ergebnisse vorsichtig formuliert werden, ist wenig verloren. Heikel wird es, wenn im Fazit plötzlich von „den Studierenden“ die Rede ist. Wann eine Erhebung repräsentativ heißen darf, hängt am Auswahlverfahren und nicht an der Zahl der Antworten.

Das Skalenniveau wird erst bei der Auswertung geprüft

Ob du einen Mittelwert bilden, eine Korrelation rechnen oder bloß Häufigkeiten auszählen darfst, hängt am Skalenniveau deiner Variablen. Welches Skalenniveau eine Frage besitzt, entscheidet sich beim Bau des Bogens und nicht am Rechner. Wer erst in der Statistiksoftware bemerkt, dass alle Fragen nominal skaliert sind, kann die geplante Rechnung nicht mehr durchführen.

Der Methodenteil beschreibt, statt zu begründen

„Es wurde eine Online-Umfrage durchgeführt“ ist eine Beschreibung. Erwartet wird eine Begründung: warum diese Methode zu dieser Frage passt, welche Alternative es gegeben hätte und warum sie ausgeschieden ist. Drei Sätze genügen dafür meist, und sie machen den Unterschied zwischen einer dokumentierten und einer bewerteten Arbeit. Bei der Defensio wird genau an dieser Stelle nachgefragt.

Fazit

Empirische Forschung ist weniger eine Technik als eine Haltung: Du legst vorher fest, woran sich deine Frage entscheidet, und hältst dich daran, auch wenn das Ergebnis unbequem ausfällt. Ob dabei Messwerte oder Transkripte entstehen und ob du selbst erhebst oder einen bestehenden Datensatz aufmachst, ist eine Frage der Passung und keine Rangordnung. Prüfe zuerst, ob deine Frage überhaupt Material braucht, und wähle erst danach den Weg dorthin.

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Häufig gestellte Fragen

Empirische Forschung ist ein Vorgehen, bei dem eine Forschungsfrage mit Material aus der beobachtbaren Wirklichkeit geklärt wird statt allein mit Literatur und Argumenten. Ob dieses Material aus Messwerten oder aus Gesprächsprotokollen besteht, spielt für die Einordnung keine Rolle. Entscheidend bleibt, dass Sammlung und Auswertung einem vorher festgelegten Plan folgen und offengelegt werden.

Empirische Forschung ist nicht zwingend quantitativ, weil qualitative Zugänge ebenfalls Material über die beobachtbare Wirklichkeit erheben. Acht Leitfadengespräche mit Lehrlingen sind vollständig empirisch, obwohl am Ende kein Prozentwert steht. Objektivität, Reliabilität und Validität stammen aus der quantitativen Testtheorie und taugen deshalb nicht als Maßstab für qualitative Arbeiten.

AUSSDA, The Austrian Social Science Data Archive an der Universität Wien, gibt Datensätze zur Zweitauswertung ab. Archivierung und Bezug sind nach Angaben des Archivs kostenlos, und Studierende zählen ausdrücklich zu den Zugangsberechtigten, weil auch sie einen wissenschaftlichen Zweck verfolgen. Die Mikrozensusdaten ab 1973 liegen laut AUSSDA exklusiv dort.

Für den Mikrozensus besteht Auskunftspflicht, festgelegt in § 8 der Erwerbs- und Wohnungsstatistikverordnung 2010. Statistik Austria wählt pro Quartal 22 500 Haushalte per Zufallsauswahl aus dem Zentralen Melderegister. Die jährlich wechselnden Zusatzmodule unterliegen nach § 9 Abs. 2 derselben Verordnung nicht der Auskunftspflicht, sofern keine gesonderte rechtliche Anordnung besteht.

Maßgeblich ist neben der Datenschutz-Grundverordnung das österreichische Datenschutzgesetz, dessen Forschungsklausel in Art. 2 § 7 steht. Genannt sind dort drei Grundlagen: eine besondere gesetzliche Vorschrift, die Einwilligung der betroffenen Person oder eine Genehmigung der Datenschutzbehörde. Für Abschlussarbeiten ist die Einwilligung der Regelfall. Der Personenbezug ist zudem unverzüglich zu verschlüsseln, sobald pseudonymisierte Daten genügen.

Eine bundesweit einheitliche Pflicht zum Ethikvotum gibt es in Österreich nicht, die Regelung hängt an der jeweiligen Universität. Die Ethikkommission der Universität Wien ist für Master- und Diplomarbeiten zuständig, den Antrag stellt allerdings die Betreuung oder das Studienrechtliche Organ. Bereits begonnene Vorhaben werden nicht begutachtet, das Votum gehört also vor die Erhebung.

Eine Literaturarbeit ist ein eigenständiges Vorgehen mit eigenen Qualitätsansprüchen und keine Notlösung. Verlangt werden eine nachvollziehbare Suchstrategie, eine begründete Auswahl der Quellen und eine Einordnung statt einer Aufzählung. Ein systematisches Review und eine Metaanalyse arbeiten sogar ausschließlich mit vorhandenem Material und gelten trotzdem als empirisch.

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