empirio.ai

Was bedeutet Objektivität? Definition und Beispiel

Was Objektivität als Gütekriterium wirklich verlangt: die drei Teilbereiche, konkrete Maßnahmen für deine Befragung und warum es dafür keine Kennzahl gibt.

Autorin bei empirio.ai - Maria Malzewvon Maria MalzewAktualisiert am 27. September 2026Lesezeit 7 Min.

Zwei Lehrende lesen dieselbe Seminararbeit. Die eine vergibt ein Sehr gut, der andere ein Befriedigend. An der Arbeit hat sich dazwischen nichts geändert.

Objektivität zählt zu den Hauptgütekriterien der quantitativen Forschung und wird lange vor der Auswertung entschieden. Objektivität liegt vor, wenn Messwerte unabhängig von jener Person zustande kommen, die erhebt, auswertet und interpretiert. Hergestellt wird sie durch Regeln, die vor dem Start feststehen: eine ausformulierte Instruktion, ein Kategorienschema für offene Antworten und Interpretationsgrenzen, die für alle Anwendenden gelten. Am Ende dieses Beitrags kannst du für deine eigene Erhebung sagen, welcher der drei Teile abgesichert ist.


📌 Das Wichtigste im Überblick

  • Messwerte kommen unabhängig von der erhebenden Person zustande.
  • Drei Teilbereiche: Durchführung, Auswertung und Interpretation.
  • Ohne vorher festgelegte Regeln bleibt Objektivität eine Behauptung.
  • Eine eigene Kennzahl für Objektivität existiert nicht.
  • Objektivität verlangt keinen Verzicht auf eigene Erwartungen.

Kostenlos Umfrage erstellen

Mit empirio.ai erstellst du in wenigen Minuten eine moderne Online-Umfrage – mit Hosting in der EU.

  • Umfrage per KI
  • Per Drag & Drop anpassen
  • Auswertung in Echtzeit
Jetzt kostenlos starten

Objektivität: Messwerte, die nicht an der Person hängen

Objektivität bezeichnet die Eigenschaft einer Erhebung, dass die gewonnenen Messwerte unabhängig von jener Person zustande kommen, die das Instrument einsetzt, die Daten auswertet und die Ergebnisse deutet.

Der Begriff wird weiter gefasst, sobald es um Wissenschaft insgesamt geht. Die Lernunterlage zur sozialwissenschaftlichen Methodologie der Universität Wien beschreibt Objektivität als den Anspruch auf intersubjektiv nachvollziehbare Erkenntnis. Als Gütekriterium einer Messung ist der Begriff enger und betrifft nur das Verfahren. Eingelöst wird er dort über standardisierte Erhebungsinstrumente, bei denen laut derselben Unterlage Inhalt, Formulierung und Reihenfolge der Fragen bis hin zu den Antwortmöglichkeiten vorgegeben sind.

Ein zweiter Name für das Gütekriterium ist intersubjektive Vergleichbarkeit. Die Prüffrage dahinter lautet: Kommen mehrere Personen, die getrennt voneinander mit demselben Instrument arbeiten, zum gleichen Resultat? Lautet die Antwort nein, misst die Erhebung zu einem Teil jene Person, die sie leitet. Die beiden anderen Hauptgütekriterien sind die Reliabilität und die Validität.

Schematische Darstellung des Gütekriteriums Objektivität: verschiedene Forschende kommen mit demselben Instrument zum selben Ergebnis

Für das Gütekriterium folgt daraus eine Abgrenzung, die oft untergeht. Objektivität fordert nicht, dass Forschende ohne Meinung an ein Thema herangehen. Gefordert ist, dass diese Meinung das Resultat nicht verschieben kann, weil ihr das Verfahren keinen Raum lässt. Wer eine Vermutung mitbringt und einen standardisierten Fragebogen einsetzt, arbeitet objektiv. Wer gänzlich unvoreingenommen ist und offene Antworten nach Gefühl zuordnet, tut es nicht.

Durchführung, Auswertung, Interpretation: die drei Teilbereiche

Objektivität teilt sich in drei Bereiche, die dem zeitlichen Ablauf einer Untersuchung folgen. Zurück geht die Einteilung auf Gustav Lienert und Ulrich Raatz, und sie wird bis heute so gelehrt.

Diese Dreiteilung ist mehr als eine Ordnungshilfe. Jeder Bereich kann für sich erfüllt oder verfehlt sein, und in einer Diplom- oder Masterarbeit wird jeder für sich begründet. Eine Befragung kann bei der Durchführung mustergültig laufen und bei der Auswertung jeden Ermessensspielraum offenlassen.

Durchführungsobjektivität: was in der Instruktion stehen muss

Durchführungsobjektivität bedeutet, dass das Resultat nicht davon abhängt, wer die Erhebung leitet. In der Praxis heißt das: Alles, was den Befragten begegnet, steht vorher schriftlich fest. Dazu zählen der Einleitungstext, die Erläuterung der Antwortskala, die Abfolge der Fragen und die Information darüber, was mit den Daten geschieht. Bleibt einer dieser Punkte der jeweiligen Situation überlassen, entsteht genau jener Unterschied zwischen zwei Erhebungsterminen, den das Kriterium verhindern soll.

Auswertungsobjektivität: offene Fragen brauchen ein Kategorienschema

Auswertungsobjektivität bedeutet, dass zwei Personen aus denselben Antworten dieselben Werte ableiten. Bei geschlossenen Fragen stellt sich das Problem kaum, weil jede Antwortoption einem festen Zahlenwert zugeordnet ist. Sobald Freitextfelder im Fragebogen stehen, muss vor der ersten Auswertung ein Kategorienschema vorliegen: die Kategorien, je eine Definition und je ein Beispiel. Ob das Schema trägt, zeigt sich erst, wenn zwei Personen es unabhängig voneinander anwenden.

Interpretationsobjektivität: warum Normwerte fehlen und was stattdessen hilft

Interpretationsobjektivität bedeutet, dass verschiedene Fachleute aus demselben Zahlenwert denselben Schluss ziehen. Voraussetzung wären Normwerte aus einer Eichstichprobe, und die liegen bei einer selbst erstellten Befragung nicht vor. An deren Stelle treten eigene Grenzen, die vor dem Blick in die Daten festgelegt und im Methodenkapitel angeführt werden. Ein Mittelwert von 3,4 auf einer Likert-Skala ist für sich betrachtet weder gut noch schlecht.

Objektivität in der eigenen Befragung absichern

Objektivität entsteht nicht im Nachhinein, sie wird vor dem Start eingebaut. Zu jedem der drei Bereiche gehört eine Maßnahme, die sich in einer studentischen Arbeit tatsächlich durchführen lässt, und ein Anzeichen dafür, dass sie fehlt.

TeilbereichMaßnahme vor der ErhebungAnzeichen, dass sie fehlt
DurchführungsobjektivitätInstruktion und Skalenerläuterung schriftlich festhaltenmündliche Zusatzerklärungen an einzelne Befragte
AuswertungsobjektivitätKategorienschema mit Definition und Beispiel je KategorieKategorien entstehen erst beim Lesen der Antworten
InterpretationsobjektivitätGrenzwerte und Lesarten vorab im Methodenkapitel nennenGrenzwerte passen exakt zum gefundenen Resultat

Am meisten bringt der zweite Punkt, weil dort der größte Ermessensspielraum entsteht. Ein Kategorienschema, das vor der ersten gelesenen Antwort steht, entzieht der Methodenkritik ihren häufigsten Ansatzpunkt. Wie ernst die amtliche Statistik den Aufwand nimmt, zeigt Statistik Austria in der Standarddokumentation zur Erhebung „So geht’s uns heute“: Der Fragebogen wurde vom Projektteam und in einem Friendly User Test geprüft, und im Online-Fragebogen fangen eingebaute Checks unmögliche und unwahrscheinliche Angaben ab.

Hinweis

Ein Pretest mit fünf Personen zeigt fehlende Durchführungsobjektivität schneller als jede Checkliste. Sobald jemand rückfragt, wie eine Frage gemeint ist, fehlt die Erläuterung im Fragebogen und nicht beim Gegenüber.

Gibt es eine Kennzahl für Objektivität?

Für Objektivität insgesamt existiert kein eigener Koeffizient, anders als bei der Reliabilität mit ihrem Wert zwischen 0 und 1. Nachgewiesen wird Objektivität über das Verfahren: darüber, dass Regeln vorliegen, dass sie vor der Erhebung galten und dass sie dokumentiert sind.

Ein Bereich lässt sich dennoch beziffern. Arbeiten zwei Personen getrennt voneinander dieselben offenen Antworten mit demselben Kategorienschema durch, ergibt der Grad ihrer Übereinstimmung einen Kennwert, meist Cohens Kappa. An dieser Stelle verläuft eine Grenze, die viele Ratgeber verwischen: Das Kategorienschema sichert die Objektivität, die gemessene Übereinstimmung zählt als Interrater-Reliabilität zur Reliabilität. Beide Kriterien fragen nach dem Einfluss der auswertenden Person; sie tun es nur an unterschiedlichen Stellen.

Achtung

Schreibe in deiner Arbeit nie „Die Objektivität der Erhebung liegt bei 0,82“. Eine solche Zahl gibt es nicht, und in der Defensio kommt die Rückfrage danach mit Sicherheit. Nenne stattdessen den Übereinstimmungswert und sage dazu, worauf er sich bezieht!

Kostenlos Umfrage erstellen

Mit empirio.ai erstellst du in wenigen Minuten eine moderne Online-Umfrage – mit Hosting in der EU.

  • Umfrage per KI
  • Per Drag & Drop anpassen
  • Auswertung in Echtzeit
Jetzt kostenlos starten

Typische Fehler bei der Objektivität

Drei Fehler tauchen in Abschlussarbeiten immer wieder auf, und keiner davon hat mit Statistik zu tun. Alle drei entstehen im Text über die Methode, nicht in den Daten selbst.

Dahinter steckt jedes Mal dieselbe Ursache: Objektivität wird für etwas herangezogen, wofür sie nicht gemacht ist. Wer die drei Verwechslungen kennt, spürt sie im eigenen Methodenkapitel in wenigen Minuten auf.

Objektivität mit Neutralität der forschenden Person verwechseln

Objektivität ist eine Eigenschaft des Verfahrens und keine Geisteshaltung. Formulierungen wie „Die Untersuchung war objektiv, weil ich unvoreingenommen an das Thema herangegangen bin“ belegen daher nichts. Nachgewiesen wird Objektivität über die Regeln, die den Spielraum begrenzt haben: über den Fragebogen, das Kategorienschema und die vorab gesetzten Grenzwerte. Eine eigene Vermutung ist kein Makel, sondern der Normalfall in einer empirischen Abschlussarbeit.

Objektivität im Methodenkapitel behaupten, ohne sie zu belegen

Ein Satz wie „Die Objektivität ist gegeben“ steht in sehr vielen Arbeiten und trägt nichts bei. Beurteilt wird nicht die Behauptung, sondern die Beschreibung des Verfahrens. Ein Absatz genügt dafür: was alle Befragten gleichermaßen vor sich hatten, nach welchen Regeln aus Antworten Werte wurden und wer diese Regeln aufgestellt hat.

Aus hoher Objektivität auf ein gutes Resultat schließen

Eine objektive Erhebung kann am Thema vollständig vorbeimessen. Objektivität sagt allein, dass das Resultat nicht an der beteiligten Person hängt, und nichts darüber, ob die Fragen das gemeinte Merkmal treffen. Dafür ist die Validität zuständig. Ein sauber standardisierter Fragebogen mit unpassenden Fragen liefert verlässlich dasselbe falsche Bild.

Fazit

Objektivität verlangt die geringste Rechenarbeit aller Gütekriterien und fällt am frühesten. Nachbessern lässt sich daran nach der Erhebung nichts mehr, weil die Regeln vorher gegolten haben müssen. Wer eine Stunde in Instruktion und Kategorienschema investiert, hat das Methodenkapitel an dieser Stelle bereits geschrieben.

Objektivität sagt, dass das Resultat nicht an dir hängt. Ob du das Richtige gemessen hast, sagt sie nicht.

Wie es weitergeht

Unser Literaturtipp: Chevron, Marie-France u. a.: Grundlagen sozialwissenschaftlicher Methodologie. Lernunterlage der Fakultät für Sozialwissenschaften, Universität Wien. Der Text behandelt Standardisierung und Objektivität im Zusammenhang und ist frei abrufbar. Für die Testtheorie dahinter eignet sich Moosbrugger, Helfried und Kelava, Augustin (Hrsg.) (2012): Testtheorie und Fragebogenkonstruktion, 2. Auflage, Springer.


Alle Befragten sollen denselben Fragebogen in derselben Abfolge sehen?

Mit empirio.ai, einem Online-Umfrage-Tool aus Deutschland, legst du Instruktion, Fragenabfolge und Antwortskalen einmal fest und verteilst die Befragung danach per Link. Die Durchführungsobjektivität ist damit weitgehend abgesichert; Auswertung und Interpretation bleiben deine Aufgabe.

Umfrage kostenlos erstellen

Häufig gestellte Fragen

Objektivität bedeutet, dass ein Resultat nicht davon abhängt, wer die Untersuchung leitet. Das bekannteste Bild dazu stammt aus der Schule: Zwei Lehrende beurteilen dieselbe Arbeit und vergeben zwei verschiedene Noten. Die Arbeit hat sich nicht verändert, nur die beurteilende Person. Eine objektive Beurteilung fiele bei beiden gleich aus.

Ein Beispiel für hohe Objektivität ist eine Online-Befragung mit geschlossenen Fragen. Alle Teilnehmenden sehen denselben Text in derselben Abfolge. Jede Antwortoption entspricht einem festen Zahlenwert. Ein Beispiel für niedrige Objektivität ist ein offenes Gespräch, das ohne Leitfaden geführt und danach ohne Kategorienschema ausgewertet wird.

Nein, Objektivität fordert keine Meinungslosigkeit. Gefordert ist, dass die eigene Erwartung das Resultat nicht verschieben kann, weil ihr das Verfahren keinen Raum lässt. Eine Vermutung mitzubringen ist in der empirischen Forschung der Normalfall. Entscheidend bleibt, dass Fragebogen, Auswertungsregeln und Grenzwerte feststehen, bevor die erste Antwort eintrifft.

Durchführungsobjektivität in einer Online-Befragung entsteht dadurch, dass alle Teilnehmenden genau dieselbe Fassung vor sich haben. Formuliere Begrüßung, Skalenerläuterung und Datenschutzhinweis schriftlich aus, statt sie mündlich nachzureichen. Verzichte auf individuelle Erklärungen per Nachricht, denn damit entstehen zwei verschiedene Erhebungssituationen.

Für Objektivität insgesamt gibt es keinen Koeffizienten. Nachgewiesen wird sie über das Verfahren, also über dokumentierte Regeln, die vor der Erhebung galten. Beziffern lässt sich nur ein Bereich: Werten zwei Personen dieselben offenen Antworten mit demselben Schema aus, drückt Cohens Kappa ihre Übereinstimmung aus.

Intersubjektive Vergleichbarkeit ist der ältere Fachausdruck für dasselbe Gütekriterium und steht in der Methodenliteratur gleichbedeutend neben Objektivität. In der qualitativen Forschung ist daraus ein eigener Anspruch geworden, die intersubjektive Nachvollziehbarkeit. Verlangt wird dort nicht dasselbe Resultat, sondern ein Weg, den andere nachvollziehen können.

Das könnte dich auch interessieren