Zwei Lehrpersonen korrigieren dieselbe Maturaarbeit. Die eine setzt eine 5,5, der andere eine 4. Am Text dazwischen hat sich nichts geändert.
Objektivität gehört zu den Hauptgütekriterien der quantitativen Forschung und entscheidet sich früh, lange vor der Auswertung. Objektivität meint die Unabhängigkeit einer Messung von der Untersuchungssituation und von der untersuchenden Person. Erreicht wird sie über Regeln, die vor dem Start der Erhebung feststehen: eine ausformulierte Instruktion, ein Kategorienraster für offene Antworten und Interpretationsgrenzen, die für alle Anwendenden gleich gelten. Nach diesem Beitrag weisst du, welcher der drei Teile in deiner Erhebung gedeckt ist.
📌 Das Wichtigste im Überblick
- Die Messung ist unabhängig von der untersuchenden Person.
- Drei Teilbereiche: Durchführung, Auswertung und Interpretation.
- Objektivität gilt als Voraussetzung für Reliabilität und Validität.
- Eine eigene Kennzahl für Objektivität existiert nicht.
- Objektivität verlangt keinen Verzicht auf eigene Erwartungen.
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Objektivität: eine Messung, die nicht an der Person hängt
Objektivität bezeichnet die Unabhängigkeit einer Messung von der Untersuchungssituation und von der untersuchenden Person. Ein Fragebogen ist objektiv, wenn er dasselbe Ergebnis liefert, gleichgültig wer ihn einsetzt, wer ihn auswertet und wer die Werte deutet.
Das Glossar zu Prüfungen der ETH Zürich führt Objektivität als Hauptgütekriterium und ordnet die drei Kriterien hierarchisch: Validität setzt Reliabilität voraus, und Reliabilität setzt Objektivität voraus. Eine Erhebung, bei der jede auswertende Person zu anderen Werten kommt, wird kaum stabile Werte liefern und erst recht nicht das Richtige messen. Das dritte Kriterium ist die Validität.
Ein älterer Name für dasselbe Kriterium lautet intersubjektive Vergleichbarkeit. Die Prüffrage bleibt dieselbe: Kommen mehrere Personen, die getrennt voneinander mit demselben Instrument arbeiten, zum gleichen Resultat?

Das Wort trägt allerdings zwei Bedeutungen, und nur eine davon ist das Gütekriterium. In der Wissenschaftstheorie meint Objektivität auch den Anspruch auf wertfreie Erkenntnis. Als Gütekriterium einer Messung ist sie enger gefasst und verlangt nicht, dass Forschende ohne Meinung an ein Thema herangehen. Verlangt wird, dass diese Meinung das Resultat nicht verschieben kann, weil ihr das Verfahren keinen Raum lässt. Wer eine Vermutung mitbringt und trotzdem einen standardisierten Fragebogen einsetzt, arbeitet objektiv. Wer völlig unvoreingenommen ist und offene Antworten nach Gefühl zuordnet, tut es nicht.
Durchführung, Auswertung, Interpretation: die drei Teilbereiche
Objektivität gliedert sich in drei Bereiche, die dem Ablauf einer Untersuchung folgen. Die Einteilung geht auf Gustav Lienert und Ulrich Raatz zurück und wird bis heute in dieser Form gelehrt.
Die Gliederung ist keine Formsache. Jeder Bereich kann für sich erfüllt oder verfehlt sein, und in einer Bachelor-Thesis oder Masterarbeit wird jeder für sich begründet. Eine Befragung kann bei der Durchführung mustergültig laufen und bei der Auswertung jeden Ermessensspielraum offenlassen.
Durchführungsobjektivität: was in der Instruktion stehen muss
Durchführungsobjektivität bedeutet, dass das Resultat nicht davon abhängt, wer die Erhebung leitet. Praktisch heisst das: Alles, was den Befragten begegnet, steht vorher schriftlich fest. Dazu gehören der Einleitungstext, die Erläuterung der Antwortskala, die Abfolge der Fragen und die Auskunft darüber, was mit den Daten geschieht. Bleibt einer dieser Punkte der Situation überlassen, entsteht genau der Unterschied zwischen zwei Erhebungsterminen, den das Kriterium ausschliessen soll.
Auswertungsobjektivität: offene Fragen brauchen ein Kategorienraster
Auswertungsobjektivität bedeutet, dass zwei Personen aus denselben Antworten dieselben Werte ableiten. Bei geschlossenen Fragen stellt sich das Problem kaum, weil jede Antwortoption einem festen Zahlenwert entspricht. Sobald Freitextfelder im Fragebogen stehen, braucht es vor der ersten Auswertung ein Kategorienraster: die Kategorien, je eine Definition und je ein Beispiel. Ob das Raster trägt, zeigt sich erst, wenn zwei Personen es unabhängig voneinander anwenden.
Interpretationsobjektivität: warum Normwerte fehlen und was stattdessen hilft
Interpretationsobjektivität bedeutet, dass verschiedene Fachleute aus demselben Zahlenwert denselben Schluss ziehen. Voraussetzung wären Normwerte aus einer Eichstichprobe, und die gibt es bei einer selbst erstellten Befragung nicht. An deren Stelle treten eigene Grenzen, die vor dem Blick in die Daten festgelegt und im Methodenkapitel genannt werden. Ein Mittelwert von 3,4 auf einer Likert-Skala ist für sich betrachtet weder gut noch schlecht.
Objektivität in der eigenen Befragung absichern
Objektivität entsteht nicht im Nachhinein, sie wird vor dem Start eingebaut. Zu jedem der drei Bereiche gehört eine Massnahme, die sich in einer studentischen Arbeit wirklich umsetzen lässt, und ein Anzeichen dafür, dass sie fehlt.
| Teilbereich | Massnahme vor der Erhebung | Anzeichen, dass sie fehlt |
|---|---|---|
| Durchführungsobjektivität | Instruktion und Skalenerläuterung schriftlich festhalten | mündliche Zusatzerklärungen an einzelne Befragte |
| Auswertungsobjektivität | Kategorienraster mit Definition und Beispiel je Kategorie | Kategorien entstehen erst beim Lesen der Antworten |
| Interpretationsobjektivität | Grenzwerte und Lesarten vorab im Methodenkapitel nennen | Grenzwerte passen exakt zum gefundenen Resultat |
Am meisten bringt der zweite Punkt, weil dort der grösste Ermessensspielraum entsteht. Denselben Massstab legt die öffentliche Statistik an sich selbst an: Die Charta der öffentlichen Statistik der Schweiz verlangt, dass Statistiken auf einer objektiven Grundlage erstellt werden und dass Datenquellen, Methoden und Verfahren öffentlich zugänglich sind. Genau das ist der Anspruch, den ein Methodenkapitel im Kleinen einlöst.
Hinweis
Ein Pretest mit fünf Personen deckt fehlende Durchführungsobjektivität schneller auf als jede Checkliste. Sobald jemand nachfragt, wie eine Frage gemeint ist, fehlt die Erläuterung im Fragebogen und nicht beim Gegenüber.
Gibt es eine Kennzahl für Objektivität?
Für Objektivität insgesamt existiert kein eigener Koeffizient, anders als bei der Reliabilität mit ihrem Wert zwischen 0 und 1. Nachgewiesen wird Objektivität über das Verfahren: darüber, dass Regeln vorliegen, dass sie vor der Erhebung galten und dass sie dokumentiert sind.
Ein Bereich lässt sich dennoch beziffern. Arbeiten zwei Personen getrennt voneinander dieselben offenen Antworten mit demselben Kategorienraster durch, ergibt der Grad ihrer Übereinstimmung einen Kennwert, meist Cohens Kappa. Hier verläuft eine Grenze, die viele Ratgeber verwischen: Das Kategorienraster sichert die Objektivität, die gemessene Übereinstimmung zählt als Interrater-Reliabilität zur Reliabilität. Beide Kriterien fragen nach dem Einfluss der auswertenden Person; sie tun es an unterschiedlichen Stellen.
Achtung
Schreibe in deiner Arbeit nie „Die Objektivität der Erhebung liegt bei 0,82“. Eine solche Zahl gibt es nicht, und im Kolloquium kommt die Rückfrage danach mit Sicherheit. Nenne stattdessen den Übereinstimmungswert und sage dazu, worauf er sich bezieht!
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Typische Fehler bei der Objektivität
Drei Fehler tauchen in Abschlussarbeiten immer wieder auf, und keiner davon betrifft die Statistik. Alle drei entstehen im Text über die Methode, nicht in den Daten.
Dahinter steckt jedes Mal dieselbe Ursache: Objektivität wird für etwas herangezogen, wofür sie nicht gemacht ist. Wer die drei Verwechslungen kennt, findet sie im eigenen Methodenkapitel in wenigen Minuten.
Objektivität mit Neutralität der forschenden Person verwechseln
Objektivität ist eine Eigenschaft des Verfahrens und keine Geisteshaltung. Formulierungen wie „Die Untersuchung war objektiv, weil ich unvoreingenommen an das Thema herangegangen bin“ belegen deshalb nichts. Nachgewiesen wird Objektivität über die Regeln, die den Spielraum begrenzt haben: über den Fragebogen, das Kategorienraster und die vorab gesetzten Grenzwerte. Eine eigene Vermutung ist kein Makel, sondern der Normalfall in einer empirischen Abschlussarbeit.
Objektivität im Methodenkapitel behaupten, ohne sie zu belegen
Ein Satz wie „Die Objektivität ist gegeben“ steht in sehr vielen Arbeiten und trägt nichts bei. Bewertet wird nicht die Behauptung, sondern die Beschreibung des Verfahrens. Ein Absatz genügt: was alle Befragten gleichermassen vor sich hatten, nach welchen Regeln aus Antworten Werte wurden und wer diese Regeln aufgestellt hat.
Aus hoher Objektivität auf ein gutes Resultat schliessen
Eine objektive Erhebung kann am Thema völlig vorbeimessen. Objektivität sagt allein, dass das Resultat nicht an der beteiligten Person hängt, und nichts darüber, ob die Fragen das gemeinte Merkmal treffen. Zuständig dafür ist die Validität. Ein sauber standardisierter Fragebogen mit unpassenden Fragen liefert verlässlich dasselbe falsche Bild.
Fazit
Objektivität verlangt die geringste Rechenarbeit aller Gütekriterien und fällt am frühesten. Nachbessern lässt sich daran nach der Erhebung nichts mehr, weil die Regeln vorher gegolten haben müssen. Wer eine Stunde in Instruktion und Kategorienraster investiert, hat das Methodenkapitel an dieser Stelle bereits geschrieben.
Objektivität sagt, dass das Resultat nicht an dir hängt. Ob du das Richtige gemessen hast, sagt sie nicht.
Wie es weitergeht
- Du willst alle drei Gütekriterien nebeneinander sehen? Objektivität, Reliabilität, Validität im Vergleich
- Du brauchst die Definition des nächsten Begriffs? Was bedeutet Reliabilität?
- Du suchst den Überblick über alle Gütekriterien? Gütekriterien qualitativer und quantitativer Forschung
- Du willst den ganzen Ablauf im Blick haben? Empirische Forschung: Definition, Methoden, Leitfaden
Unser Literaturtipp: ETH Zürich, Lehrentwicklung und Technologie: Übersicht und Glossar Prüfungen. Das Glossar ordnet Objektivität, Reliabilität und Validität auf wenigen Seiten ein und ist frei abrufbar. Für die Testtheorie dahinter eignet sich Moosbrugger, Helfried und Kelava, Augustin (Hrsg.) (2012): Testtheorie und Fragebogenkonstruktion, 2. Auflage, Springer.
Alle Befragten sollen denselben Fragebogen in derselben Abfolge sehen?
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