Zwei Lehrkräfte lesen denselben Aufsatz und geben zwei verschiedene Noten. Am Aufsatz liegt das nicht. Gemessen wurde nur nicht objektiv.
Objektivität ist das erste der drei Hauptgütekriterien der quantitativen Forschung und entscheidet sich lange vor der ersten Zahl. Objektivität bedeutet, dass ein Messergebnis nicht davon abhängt, wer die Erhebung durchführt, wer sie auswertet und wer sie interpretiert. Gesichert wird sie über feste Regeln, die vor der Erhebung feststehen: standardisierte Instruktionen, eindeutige Auswertungsregeln und Interpretationsvorgaben, die für alle Anwendenden gleich gelten. Nach diesem Beitrag kannst du begründen, welchen der drei Teile deine eigene Erhebung abdeckt und welcher offen bleibt.
📌 Das Wichtigste im Überblick
- Objektivität bedeutet Unabhängigkeit des Ergebnisses von der untersuchenden Person.
- Durchführung, Auswertung und Interpretation werden einzeln abgesichert.
- Standardisierung ist der wichtigste Hebel für hohe Objektivität.
- Für Objektivität selbst gibt es keinen eigenen Koeffizienten.
- Objektivität verlangt nicht, dass Forschende keine Meinung haben.
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Objektivität ist Unabhängigkeit von der Person: die Definition
Objektivität bedeutet, dass ein Test oder ein Fragebogen das Merkmal, das er misst, unabhängig von der durchführenden und der auswertenden Person erfasst und dass für die Ergebnisinterpretation klare, anwenderunabhängige Regeln vorliegen.
Der ältere Name für dasselbe Kriterium lautet intersubjektive Vergleichbarkeit. Dahinter steckt dieselbe Prüffrage: Kommen mehrere Personen, die unabhängig voneinander mit demselben Instrument arbeiten, zum selben Ergebnis? Fällt die Antwort nein aus, misst die Erhebung zu einem Teil die Person, die sie durchführt. Neben der Objektivität stehen die Reliabilität und die Validität.
So steht es auch bei Helfried Moosbrugger und Augustin Kelava, deren Standardwerk „Testtheorie und Fragebogenkonstruktion“ die Formulierung „unabhängig von Testleiter und Testauswerter“ verwendet und zusätzlich anwenderunabhängige Regeln für die Interpretation verlangt, nachzulesen in Kapitel 2 des Lehrbuchs (Springer, 2012).

Das Wort trägt allerdings zwei Bedeutungen, und nur eine davon ist das Gütekriterium. In der Wissenschaftstheorie meint Objektivität auch den Anspruch auf wertfreie Erkenntnis. Als Gütekriterium einer Messung ist sie enger gefasst und verlangt nicht, dass Forschende keine Meinung zum Thema haben. Verlangt wird, dass diese Meinung das Ergebnis nicht verändern kann, weil das Verfahren ihr keinen Spielraum lässt. Wer eine Vermutung hat und trotzdem einen standardisierten Fragebogen einsetzt, arbeitet objektiv. Wer völlig unvoreingenommen ist und offene Antworten nach Gefühl einsortiert, arbeitet es nicht.
Die drei Arten der Objektivität und was sie jeweils verlangen
Objektivität zerfällt in drei Teilbereiche, die nacheinander im Ablauf einer Erhebung liegen: Durchführung, Auswertung und Interpretation. Die Einteilung geht auf Gustav Lienert und Ulrich Raatz zurück und wird bis heute in dieser Form unterrichtet.
Die Aufteilung ist keine Formalie. Jeder der drei Teile kann einzeln erfüllt oder verletzt sein, und in einer Abschlussarbeit wird jeder einzeln begründet. Eine Umfrage kann in der Durchführung tadellos sein und bei der Auswertung jeden Spielraum offenlassen.
Durchführungsobjektivität: was in der Instruktion stehen muss
Durchführungsobjektivität liegt vor, wenn das Ergebnis nicht davon abhängt, wer die Erhebung leitet. Praktisch heißt das: Alles, was die befragte Person zu sehen und zu lesen bekommt, ist vorher schriftlich festgelegt. Dazu gehören der Begrüßungstext, die Erklärung der Antwortskala, die Reihenfolge der Fragen und die Auskunft darüber, was mit den Daten passiert. Bleibt einer dieser Punkte der Situation überlassen, entsteht genau der Unterschied zwischen zwei Erhebungsterminen, den das Kriterium ausschließen soll.
Auswertungsobjektivität: offene Fragen brauchen einen Kodierleitfaden
Auswertungsobjektivität liegt vor, wenn zwei Personen aus denselben Antworten dieselben Werte gewinnen. Bei geschlossenen Fragen entsteht dieses Problem kaum, weil jede Antwortoption einem festen Zahlenwert entspricht. Sobald Freitexte im Fragebogen stehen, muss vor der ersten Auswertung ein Kodierleitfaden existieren: eine Liste der Kategorien, je eine Beschreibung und je ein Beispiel. Moosbrugger und Kelava verlangen zusätzlich, dass die Anwendung solcher Auswertungsregeln empirisch überprüft wird und nicht nur behauptet.
Interpretationsobjektivität: warum Normwerte fehlen und was stattdessen hilft
Interpretationsobjektivität liegt vor, wenn verschiedene Fachleute aus demselben Zahlenwert denselben Schluss ziehen. Voraussetzung dafür sind Normwerte aus einer Eichstichprobe, und genau die gibt es bei einer selbst erstellten Umfrage nicht. An ihre Stelle treten eigene Schwellen, die vor dem Blick in die Daten festgelegt und im Methodenteil genannt werden. Ein Mittelwert von 3,4 auf einer Likert-Skala ist für sich genommen weder gut noch schlecht.
So sicherst du Objektivität in deiner eigenen Umfrage
Objektivität wird nicht nachträglich hergestellt, sondern vor dem Start der Erhebung eingebaut. Für jeden der drei Teilbereiche gibt es eine Maßnahme, die sich in einer studentischen Arbeit wirklich umsetzen lässt, und ein Warnzeichen dafür, dass sie fehlt.
| Teilbereich | Maßnahme vor der Erhebung | Warnzeichen |
|---|---|---|
| Durchführungsobjektivität | Instruktion und Skalenerklärung schriftlich festlegen | mündliche Zusatzerklärungen für einzelne Befragte |
| Auswertungsobjektivität | Kodierleitfaden mit Kategorie, Definition und Beispiel | Kategorien entstehen erst beim Lesen der Antworten |
| Interpretationsobjektivität | Schwellen und Lesarten vorab im Methodenteil festhalten | Grenzwerte passen genau zum gefundenen Ergebnis |
Der größte Hebel liegt beim zweiten Punkt, weil dort der meiste Spielraum entsteht. Ein Kodierleitfaden, der vor der ersten gelesenen Antwort steht, nimmt der Methodenkritik ihren häufigsten Angriffspunkt. Wer quantitativ erhebt und ganz auf Freitexte verzichtet, umgeht das Problem und verliert die Begründungen hinter den Zahlen.
Hinweis
Ein kurzer Pretest mit fünf Personen deckt fehlende Durchführungsobjektivität schneller auf als jede Checkliste. Sobald eine Testperson nachfragt, wie eine Frage gemeint ist, fehlt die Erklärung im Fragebogen und nicht bei der Person.
Lässt sich Objektivität mit einer Kennzahl belegen?
Für die Objektivität als Ganzes gibt es keinen eigenen Koeffizienten, anders als bei der Reliabilität mit ihrem Wert zwischen 0 und 1. Belegt wird Objektivität über das Verfahren: darüber, dass Regeln existieren, dass sie vor der Erhebung feststanden und dass sie dokumentiert sind.
Ein Teilbereich lässt sich trotzdem in einer Zahl ausdrücken. Lassen zwei Personen unabhängig voneinander dieselben offenen Antworten durch denselben Kodierleitfaden laufen, ergibt der Grad ihrer Übereinstimmung einen Kennwert, meist Cohens Kappa. Genau hier verläuft eine Grenze, die viele Ratgeber verwischen: Der Kodierleitfaden sichert die Objektivität, die gemessene Übereinstimmung gehört als Interrater-Reliabilität zur Reliabilität. Beide Kriterien fragen nach dem Einfluss der auswertenden Person; sie beantworten die Frage nur an verschiedenen Stellen.
Achtung
Schreibe in deiner Arbeit nie „Die Objektivität der Erhebung liegt bei 0,82“. Eine solche Zahl gibt es nicht, und in der Verteidigung kommt die Rückfrage danach mit Sicherheit. Berichte stattdessen den Übereinstimmungswert und sage dazu, worauf genau er sich bezieht!
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Typische Fehler bei der Objektivität
Drei Fehler tauchen in Abschlussarbeiten regelmäßig auf, und keiner davon betrifft die Statistik. Alle drei entstehen im Text über die Methode und nicht in den Daten.
Die gemeinsame Ursache ist schnell benannt: Objektivität wird für etwas in Anspruch genommen, wofür sie nicht gemacht ist. Wer die drei Verwechslungen kennt, findet sie im eigenen Methodenteil in wenigen Minuten.
Objektivität mit Neutralität der forschenden Person verwechseln
Objektivität ist eine Eigenschaft des Verfahrens und keine Haltung der Person. Sätze wie „Die Untersuchung war objektiv, weil ich unvoreingenommen an das Thema herangegangen bin“ belegen deshalb nichts. Belegt wird Objektivität mit den Regeln, die den Spielraum begrenzt haben: mit dem Fragebogen, dem Kodierleitfaden und den vorab festgelegten Schwellen. Eine eigene Vermutung ist dabei kein Makel, sondern der Normalfall in der empirischen Abschlussarbeit.
Objektivität im Methodenteil behaupten, ohne sie zu belegen
Ein Satz wie „Die Objektivität ist gegeben“ steht in sehr vielen Arbeiten und trägt nichts bei. Bewertet wird nicht die Behauptung, sondern die Beschreibung des Verfahrens. Ein einziger Absatz reicht aus: was alle Befragten gleichermaßen gesehen haben, nach welchen Regeln die Antworten zu Werten geworden sind und wer diese Regeln festgelegt hat.
Aus hoher Objektivität auf ein gutes Ergebnis schließen
Eine objektive Erhebung kann vollständig am Thema vorbeimessen. Objektivität sagt nur, dass das Ergebnis nicht an der beteiligten Person hängt, und nichts darüber, ob die Fragen das gemeinte Merkmal treffen. Zuständig dafür ist die Validität. Ein sauber standardisierter Fragebogen mit unpassenden Fragen liefert zuverlässig dasselbe falsche Bild.
Fazit
Objektivität ist das Gütekriterium mit der wenigsten Rechenarbeit und der frühesten Entscheidung. Nach der Erhebung lässt sich daran nichts mehr verbessern, weil die Regeln vorher gegolten haben müssen. Wer eine Stunde in Instruktion und Kodierleitfaden steckt, hat den Methodenteil zu diesem Punkt schon geschrieben.
Objektivität sagt, dass das Ergebnis nicht an dir hängt. Ob du das Richtige gemessen hast, sagt sie nicht.
Wie es weitergeht
- Du willst alle drei Gütekriterien nebeneinander sehen? Objektivität, Reliabilität, Validität im Vergleich
- Du brauchst die Definition des nächsten Begriffs? Was bedeutet Reliabilität?
- Du suchst den Überblick über alle Gütekriterien? Gütekriterien qualitativer und quantitativer Forschung
- Du willst den ganzen Ablauf im Blick haben? Empirische Forschung: Definition, Methoden, Leitfaden
Unser Literaturtipp: Moosbrugger, Helfried und Kelava, Augustin (Hrsg.) (2012): Testtheorie und Fragebogenkonstruktion. 2. Auflage. Springer: Berlin und Heidelberg. Kapitel 2 erklärt die drei Arten der Objektivität auf wenigen Seiten und ist als frei zugängliche Leseprobe verfügbar.
Alle Befragten sollen denselben Fragebogen in derselben Reihenfolge sehen?
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