Zwei Studierende am selben Institut, derselbe Abgabetermin. Die eine rechnet mit einem Datensatz, den ein Archiv bereitstellt, der andere sammelt vier Wochen lang eigene Antworten. Am Schluss legen beide eine empirische Abschlussarbeit vor.
Eine empirische Bachelorarbeit oder Masterarbeit beantwortet ihre Forschungsfrage mit Daten: Du leitest aus der Theorie eine prüfbare Annahme ab, erhebst dafür eigenes Material oder wertest bestehendes aus und entscheidest anhand dieser Daten, ob die Annahme standhält. Der Aufwand dafür liegt allerdings früher, als die meisten einplanen.
📌 Das Wichtigste im Überblick
- Empirisch heisst: Die Antwort stammt aus Daten, nicht aus Literatur.
- Der Forschungsprozess umfasst sieben Phasen (Raithel 2008).
- Methode, Ergebnisse und Diskussion bleiben strikt getrennt.
- FORS stellt Schweizer Befragungsdaten über SWISSUbase bereit.
- In der Schweiz gilt seit September 2023 das revidierte Datenschutzgesetz.
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Was ist eine empirische Abschlussarbeit?
Eine empirische Abschlussarbeit prüft ihre Forschungsfrage an der Wirklichkeit, statt sie allein aus der Literatur herzuleiten. Getragen wird die Aussage von Beobachtungen, Messungen oder Antworten, die planmässig erhoben und nachvollziehbar ausgewertet werden.
Der Begriff «empirisch» geht auf das altgriechische «empeiria» zurück, die Erfahrung. Gemeint ist kein Bauchgefühl, sondern ein Verfahren mit fester Reihenfolge. Empirische Forschung beginnt darum nicht bei den Daten, sondern bei einer Theorie und der Frage, die daraus folgt.
Eigene Teilnehmende sind dafür keine Bedingung. Wer einen bestehenden Datensatz auswertet, arbeitet ebenso empirisch, sofern Auswahl und Auswertung dokumentiert sind. In der Schweiz führt der Weg dorthin über FORS, das vom Schweizerischen Nationalfonds und der Universität Lausanne getragene Kompetenzzentrum, das Erhebungen wie das Schweizer Haushalt-Panel durchführt und die Daten über SWISSUbase zugänglich macht. Amtliche Kennzahlen veröffentlicht das Bundesamt für Statistik.

Abzugrenzen ist die empirische von der theoretischen Arbeit, deren Erkenntnis aus vorhandenem Wissen stammt. Welcher Typ zu deinem Thema passt, entscheidet die Forschungsfrage und nicht der Aufwand. Die Abwägung behandelt unser Beitrag zur empirischen oder theoretischen Abschlussarbeit.
Wann sich eine empirische Arbeit lohnt und wann nicht
Eine empirische Abschlussarbeit lohnt sich, wenn deine Forschungsfrage eine Aussage über die Wirklichkeit verlangt, die in dieser Form noch nicht publiziert ist. Häufig sind das Fragen nach Häufigkeiten, nach Zusammenhängen zwischen zwei Merkmalen oder nach der Wirkung einer Massnahme.
Der Reiz liegt im eigenen Befund. Du erzeugst Zahlen oder Aussagen, die vorher niemand hatte, und deine Schlussfolgerung ruht auf Material aus erster Hand. Bezahlt wird dieser Vorteil mit Abhängigkeiten, die sich nur begrenzt steuern lassen.
Was eine empirische Arbeit dir bringt
- Du lieferst einen Befund, den so noch niemand veröffentlicht hat.
- Der Praxisbezug öffnet Türen zu Betrieben und Institutionen.
- Der Literaturteil fällt schlanker aus als bei einer Theoriearbeit.
- Du übst Methoden, die in vielen Berufsfeldern verlangt werden.
Was du dafür in Kauf nimmst
- Die Erhebung kostet Wochen, die fix im Zeitplan stehen müssen.
- Der Rücklauf hängt von Menschen ab, die du nicht steuerst.
- Auswertung und Statistik verlangen Einarbeitung in eine Software.
- Fehler im Fragebogen sind nach dem Feldstart kaum zu beheben.
Wiegen die Nachteile bei dir schwer, spricht das nicht gegen die Empirie, sondern für einen engeren Zuschnitt. Eine sauber durchgeführte Befragung mit einer einzigen klaren Hypothese schlägt jede überambitionierte Untersuchung, die in der Feldphase steckenbleibt.
Wie läuft eine empirische Abschlussarbeit ab?
Eine empirische Abschlussarbeit durchläuft sieben Phasen, von der Problemstellung bis zur Interpretation. Jürgen Raithel beschreibt diese Abfolge in «Quantitative Forschung» als den empirischen Forschungsprozess (Raithel 2008, S. 25 bis 32).
Die Reihenfolge ist keine Formsache, sondern eine Kette, in der jede Phase das Material für die nächste liefert. Eine übersprungene Phase rächt sich deshalb spätestens bei der Auswertung und zu diesem Zeitpunkt ist die Feldzeit vorbei.
- Problem und Forschungsfrage. Du grenzt das Thema ein und formulierst eine beantwortbare Frage.
- Theorie und Hypothesen. Aus dem Forschungsstand leitest du prüfbare Hypothesen ab.
- Konzeption. Du legst Messgrössen, Erhebungsinstrument, Design und Stichprobe fest und planst den Pretest.
- Erhebung. Die Feldphase läuft an und die Antworten treffen ein.
- Aufbereitung. Du bereinigst den Datensatz und codierst offene Antworten.
- Analyse. Du rechnest die geplanten Auswertungen und prüfst die Hypothesen.
- Interpretation. Du beziehst die Befunde auf Theorie und Fragestellung zurück.

Phase drei entscheidet über den Rest. Wer den Pretest auslässt, bemerkt oft erst bei der Auswertung, dass eine Frage missverständlich war, und dann sind die Antworten verloren. Jede Phase einzeln erklärt unser Beitrag zum empirischen Forschungsprozess.
Aufbau und Gliederung der Arbeit
Der Aufbau einer empirischen Abschlussarbeit folgt fast überall derselben Logik: Einleitung, Theorie, Fragestellung, Methode, Ergebnisse, Diskussion. Vom Literaturformat unterscheidet sie der eigenständige Methodenteil und die strikte Trennung von Befund und Deutung.
Die Beispielgliederung des Arbeitsbereichs Lernpsychologie der Freien Universität Berlin zeigt das konkret (Stand September 2021). Der Methodenteil ist dort in fünf Unterkapitel gegliedert und Zielsetzung samt Fragestellung bildet ein eigenes Kapitel neben der Theorie.
| Kapitel | Was hineingehört | Häufiger Fehler |
|---|---|---|
| Einleitung | Relevanz, Ziel, Aufbau der Arbeit | Ergebnisse vorwegnehmen |
| Theorie | Begriffe und Stand der Forschung | alles referieren statt auswählen |
| Fragestellung | Zielsetzung und Hypothesen | Frage bleibt zu weit gefasst |
| Methode | Design, Stichprobe, Instrument, Durchführung, Analyse | Durchführung nicht wiederholbar beschrieben |
| Ergebnisse | Befunde ohne Deutung, Tabellen und Abbildungen | Interpretation schon hier |
| Diskussion | Einordnung, Grenzen, Ausblick | Grenzen der eigenen Studie fehlen |
Der Ergebnisteil berichtet, die Diskussion deutet. Wer diese Trennung aufweicht, verschenkt genau die Stelle, an der die Begutachtung methodische Sorgfalt erkennt. Formalia wie Abstract, Verzeichnisse und Selbstständigkeitserklärung regelt das Studienreglement deiner Hochschule, daneben gilt der allgemeine Aufbau einer wissenschaftlichen Arbeit weiter.
Universitäten und Fachhochschulen in der Schweiz setzen dabei unterschiedliche Schwerpunkte. An Fachhochschulen sind Abschlussarbeiten häufig an ein Praxisprojekt gekoppelt, was den Zugang zum Feld erleichtert und zugleich Absprachen mit dem Betrieb verlangt. Massgeblich sind Studienreglement und Wegleitung deines Studiengangs, und beide liest du besser vor der Gliederung als danach.
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Quantitativ oder qualitativ: Welche Methode passt zu deiner Frage?
Quantitativ gehst du vor, wenn sich deine Frage in Zahlen beantworten lässt, also über Häufigkeiten, Verteilungen oder Zusammenhänge. Qualitativ gehst du vor, wenn du nachvollziehen willst, wie Menschen etwas deuten, erleben oder rechtfertigen. Den Ausschlag gibt die Frage, nicht die Vorliebe.
Quantitative Untersuchungen arbeiten mit standardisierten Instrumenten und vielen Fällen: Fragebogen, Zählung, Experiment. Am Ende steht entweder eine Beschreibung des Erhobenen oder ein Schluss von der Stichprobe auf eine grössere Gruppe, je nachdem, wie die Stichprobe gezogen wurde.
Qualitative Untersuchungen drehen das Verhältnis um: wenige Fälle, dafür in aller Ausführlichkeit. Leitfadeninterview, Gruppendiskussion und Inhaltsanalyse eignen sich, solange zu deinem Gegenstand wenig Theorie vorliegt oder die Zusammenhänge sich in kein Antwortraster pressen lassen.

Vier Fragestellungen machen den Unterschied greifbar:
- Quantitativ: Wie hängt die Bildschirmzeit am Abend mit der Schlafdauer von Studierenden zusammen?
- Quantitativ: Wie unterscheidet sich die Maturitätsquote zwischen den Kantonen?
- Qualitativ: Wie begründen Lernende den Wechsel von der Lehre an eine Fachhochschule?
- Qualitativ: Welche Inhalte halten Eltern bei der Mediennutzung ihrer Kinder für bedenklich?
Kombinieren lässt sich beides, etwa Fragebogen zuerst und Interviews zu den auffälligen Fällen danach. Rechne bei einem Mixed-Methods-Design aber mit zwei vollständigen Erhebungen, was für eine Bachelorarbeit meist zu viel ist. Die Verfahren im Einzelnen stellt unser Beitrag zu qualitativen und quantitativen Forschungsmethoden gegenüber.
Zeitplan und Vorlauf: Womit du rechnen musst
Der Zeitplan einer empirischen Abschlussarbeit entsteht vom Abgabetermin aus rückwärts. Vier Termine gehören fix in den Kalender: Pretest, Feldstart, Feldende und Auswertungsbeginn. Zwischen fertigem Fragebogen und erster Auswertung geht die meiste Planung verloren.
Der Grund liegt in einer einfachen Asymmetrie. Schreibzeit lässt sich verdichten, Antwortzeit nicht. Die Feldphase ist der einzige Abschnitt, dessen Länge andere bestimmen, und wer drei Wochen vor Abgabe noch auf Rückläufe hofft, verliert die Reserve für die Analyse.
Fünf Posten, die vor der Erhebung Zeit kosten
Fast jeder gerissene Zeitplan scheitert an denselben Vorarbeiten. Alle fünf liegen vor dem Feldstart, werden beim Planen übersehen und lassen sich danach nicht mehr nachholen.
- Votum der Ethikkommission deiner Hochschule, häufig mit mehreren Wochen Vorlauf
- Zustimmung von Schule, Spital oder Betrieb, ohne die dir das Feld verschlossen bleibt
- Einwilligung und Datenschutz nach dem revidierten Datenschutzgesetz, das seit September 2023 gilt
- Pretest mit fünf bis zehn Personen samt Überarbeitung des Fragebogens
- Verteiler aufbauen und Teilnehmende finden
Der Plan B für einen schwachen Rücklauf
Zu wenige Antworten sind der Klassiker unter den Notfällen. Halte dir drei Auswege offen: eine Woche längere Feldzeit, ein zweiter Verteiler oder der Umstieg auf ein qualitatives Design mit wenigen Interviews. Stimme diesen Ausweg mit deiner Betreuungsperson ab, solange du ihn noch nicht brauchst.
Tipp
Setze Feldstart und Feldende als Kalendertermine, bevor du den Fragebogen erstellst. Ein Datum, das nur im Kopf existiert, rutscht unbemerkt nach hinten und jede Verschiebung geht von der Auswertungszeit ab.
Typische Fehler bei der empirischen Abschlussarbeit
Die meisten Schwierigkeiten einer empirischen Abschlussarbeit entstehen nicht am Schreibtisch, sondern in der Planung davor. Vier Muster tauchen so häufig auf, dass jede Betreuungsperson sie schon gesehen hat.
Allen vier gemeinsam ist eine Weichenstellung, die früh erfolgt und spät hinterfragt wird. Wer sie kennt, bemerkt rechtzeitig, auf welches Gleis der eigene Zeitplan gerade gerät.
Der Fragebogen entsteht vor der Hypothese
Fragen zu schreiben fühlt sich produktiv an, deshalb fängt fast jeder dort an. Solange die Hypothese fehlt, gibt es allerdings kein Kriterium dafür, welche Frage nötig ist. Das Ergebnis sind dreissig Items, von denen die Hälfte keinen Beitrag leistet. Schreibe die Hypothese zuerst und leite jedes Item daraus ab.
Feldstart ohne Auswertungsplan
Wer den Link verschickt, ohne die Auswertung zu kennen, sammelt Daten, mit denen sich die Forschungsfrage nicht beantworten lässt. Eine fünfstufige Antwortskala erlaubt andere Rechenwege als ein Ja-Nein-Item. Kläre vor dem Feldstart, welches Verfahren du rechnen willst und welches Skalenniveau es verlangt.
Die Stichprobe aus dem Freundeskreis
Dreissig Antworten aus dem eigenen Jahrgang sind schnell gesammelt und tragen keine Verallgemeinerung. Als Zugang ist eine Gelegenheitsstichprobe zulässig, sie gehört aber offen in den Methodenteil und in die Grenzen der Diskussion. Verschwiegen wird sie zum Angriffspunkt. Benannt wird sie zum Beleg für methodisches Bewusstsein.
Deutung im Ergebniskapitel
Das Ergebniskapitel berichtet Befunde, Erklärungen kommen später. Wer dort schon begründet, warum ein Unterschied auftritt, nimmt der Diskussion die Substanz und lässt die Arbeit unsauber wirken. Zeige zuerst, was in den Daten steht, und deute erst danach.
Achtung
Ein statistisch signifikantes Ergebnis ist kein Beweis für deine Hypothese. Signifikanz sagt nur: Wenn es in Wirklichkeit keinen Zusammenhang gibt, wäre ein so deutliches oder noch deutlicheres Ergebnis selten. Schreibe deshalb zurückhaltend: Die Daten sprechen für die Hypothese, sie belegen sie nicht.
Weiterführende Literatur
Vier Titel führen weiter, als es hier möglich ist. Zwei davon begleiten eine eigene Untersuchung Schritt für Schritt, einer dient als Nachschlagewerk für Methodik und Auswertung und einer stammt aus einem Schweizer Verlag und hilft beim Schreiben.
- Raithel, Jürgen (2008): Quantitative Forschung. Ein Praxiskurs. 2. Auflage, Wiesbaden: VS Verlag für Sozialwissenschaften.
- Beller, Sieghard (2016): Empirisch forschen lernen. Konzepte, Methoden, Fallbeispiele, Tipps. 3. Auflage, Göttingen: Hogrefe.
- Döring, Nicola (2023): Forschungsmethoden und Evaluation in den Sozial- und Humanwissenschaften. 6. Auflage, Berlin und Heidelberg: Springer.
- Hunziker, Alexander W. (2025): Spass am wissenschaftlichen Arbeiten. Zürich: Verlag SKV.
Fazit
Eine empirische Abschlussarbeit ist nicht aufwendiger als eine theoretische, der Aufwand verteilt sich nur anders. Er sammelt sich am Anfang, in Konzeption und Feldphase, und wer dort sorgfältig arbeitet, muss beim Schreiben deutlich weniger nachbessern. Lege dich früh fest, rechne rückwärts und benenne die Grenzen deiner Untersuchung offen.
Empirisch wird eine Arbeit nicht durch die Menge der Daten, sondern durch den Weg zu ihnen.
Wie es weitergeht
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- Du fragst dich, warum die Online-Umfrage als Methode gilt? Die Online-Umfrage als empirische Forschungsmethode
- Deine Daten liegen vor und die Auswertung steht an? Deskriptive Statistik und Inferenzstatistik
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