Aller Anfang ist schwer! Gerade zu Beginn einer Abschlussarbeit erscheinen die Hürden beim Durchführen einer empirischen Forschung bei vielen Studierenden immer größer. Nach dem ersten Beratungsgespräch mit ihrem Betreuer stehen die meisten vor dem Problem, dass sie zwar ein grundsätzliches Thema gefunden haben, aber dennoch nicht wissen, wie sie daraus ein Forschungsprojekt ableiten.
Das häufigste Missverständnis bei studentischen Arbeiten ist die Annahme, dass es keinen Unterschied zwischen einem Thema, einer Forschungsfrage und einer Hypothese gibt. Das ist allerdings ein Irrtum. Gute Nachricht: Hast du erstmal gelernt, wie du diese Begriffe auseinanderhalten kannst, wirst du beim Eingrenzen und Konzipieren deiner Forschung viel schneller vorankommen und - was wahrscheinlich noch viel wichtiger sein wird - eine gute Note in der Abschlussarbeit erzielen. Mit einer gut abgeleiteten Forschungsfrage und Hypothese legst du nämlich den Grundstein für eine erfolgreiche empirische Abschlussarbeit. In diesem Beitrag helfen wir dir dabei.
- Thema finden
- Forschungsfrage formulieren
- Hypothese ableiten
Anhand unseres konkreten Beispiels und einer Step-By-Step- Anleitung zeigen wir dir, wie du die Begriffe "Thema", "Forschungsfrage" und "Hypothese" unkompliziert und strategisch beim Aufbau deiner eigenen Forschung einsetzen kannst.
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Jetzt kostenlos startenInteressantes Thema finden: Ist das schon die halbe Miete?
Lass uns erstmal festhalten: Natürlich ist es für deine Motivation förderlich, wenn dich das Thema so richtig interessiert. Aber auch, wenn du einen Themenvorschlag von deinem Betreuer bekommen hast, kannst du die Arbeit mit der Wahl der richtigen Hypothesen noch in eine spannende Richtung lenken.
Was ist ein gutes Thema?
Nehmen wir an, du hast ein persönliches Interesse an Massenmedien und sozial- gesellschaftlichem Verhalten oder verfügst bereits über Vorwissen in diesem Bereich (etwa aus einem Seminar oder aus deiner beruflichen Erfahrung). Daher hast du die Idee, dich mit diesem generellen Forschungsgebiet auseinanderzusetzen. Von dieser grundsätzlichen Idee leitest du ein Thema ab, das dich dabei am meisten interessiert.
- Idee / Interesse: Auswirkung von Massenmedien auf das menschliche Verhalten
- Thema: Zusammenhang zwischen regelmäßigem Konsum von audiovisuellen Nachrichten und dem mentalen Zustand ihrer Konsumenten
Die wichtigsten Infos zur Themenfindung im Überblick:
- Dein Thema kann sich auch aus einer Forschungslücke oder dem wissenschaftlichen Diskurs entwickeln oder auf ein bestimmtes öffentliches Problem hindeuten, zu dem du gern etwas beisteuern möchtest.
- Dein Thema sollte bereits ein spezifisches Erkenntnisinteresse widerspiegeln, das für eine erfolgreiche Forschung jedoch noch weiter eingegrenzt werden muss.
- Versuch bereits an dieser Stelle ein nicht zu breit gefächertes Thema zu wählen. Je allgemeiner das gewählte Thema, desto mehr Aufwand hast du bei der Literaturrecherche.
Beachte jedoch, dass es bei einer Bachelor- oder Masterarbeit nicht darum geht, wer bei seiner Literaturrecherche inhaltlich das spannendste Thema gefunden hat. Welches Thema du konkret behandelst, spielt für deinen Prüfer so gut wie keine Rolle, es sei denn, du musst dich an inhaltliche Vorgaben halten.
Im Vordergrund deiner Ausarbeitung steht viel mehr, wie du deine Forschung vorbereitest, ob deine Methodik und Argumentation nachvollziehbar sind. Bevor du dich also für dein Lieblingsthema entscheidest, ist es ganz wichtig zu überprüfen, ob sich dieses Thema überhaupt gut bearbeiten lässt. Das erkennst du z.B. daran, ob es bereits viele andere Ressourcen (z.B. vorhandene Studien) zu diesem Themenbereich gibt.
Literaturtipp: Hunziker, Alexander W. (2013). Spass am wissenschaftlichen Arbeiten. So schreiben Sie eine gute Semester-, Bachelor- und Masterarbeit. 5. Auflage. SKV: Zürich.
➔ siehe vor allem Kap. 3, S. 34 - 48: „Wie komme ich zu einem Thema?“
Forschungsfrage formulieren: Die Lage spitzt sich zu!
„Bei empirischen Fragen muss man Messungen vornehmen, Personen befragen oder, ganz allgemein gesprochen, Daten sammeln.“ (Beller 2008: 11)
Spätestens nach der Themenwahl müsstest du dich langsam mit der Literaturrecherche und dem daraus resultierenden Stand der Forschung (= die wichtigsten Konzepte, Theorien und Begriffe in dem gewählten Fachgebiet) vertraut machen.
Diese werden dir helfen, eine zentrale Forschungsfrage (= auch wissenschaftliche Fragestellung genannt) samt ggf. mehreren Unterfragen oder Teilfragen zu formulieren. Eine häufige Praxis bei einer Abschlussarbeit ist ebenfalls, eine Forschungsfrage aus einer bestehenden Theorie abzuleiten oder weiterzuentwickeln.
Je nach Umfang und Komplexität deiner Arbeit kann es sinnvoll sein, auch mehrere Forschungsfragen zu stellen. Die Anzahl der Forschungsfragen entscheidet allerdings nicht darüber, ob die Arbeit als ‘gut’ gilt. Viel wichtiger ist die Qualität deiner Forschung. Im Zweifelsfall kann deine Betreuungsperson bei der Eingrenzung bzw. der Anzahl der Forschungsfragen weiterhelfen.
Wie formuliere ich eine Forschungsfrage?
Seit dem Festlegen eines Themengebiets hast du dich inzwischen mit dem Stand der Forschung vertraut gemacht und einige Forschungsansätze gefunden. Diese zeigen dir auf, dass es Zusammenhänge zwischen negativen Nachrichten, Gewaltdarstellungen im Fernsehen und dem alltäglichen Verhalten der Menschen zu geben scheint. Außerdem findest du in vielen akademischen Beiträgen einen Verweis auf die umfassende „Mean World Syndrome”-Forschung von Georg Gerbener und wählst diese als Ausgangspunkt für deine eigene Forschungsfrage. Mit diesem Wissen kannst du nun zwei grundlegende Forschungsfragen formulieren, die deinem Thema einen eindeutigen Fokus verleihen.
Aus dem Thema “Zusammenhang zwischen regelmäßigem Konsum von audiovisuellen Nachrichten und dem mentalen Zustand ihrer Konsumenten” werden folgende Forschungsfragen formuliert:
- Forschungsfrage 1: Übt ein hoher Nachrichtenkonsum einen negativen Einfluss auf die mentale Gesundheit der Nutzer?
- Forschungsfrage 2: Wie wird das Weltbild von Zuschauern durch konsumierte Nachrichten verändert?
Die wichtigsten Infos zur Forschungsfrage im Überblick:
- Mit einer Forschungsfrage wird dein Erkenntnisinteresse in dem gewählten Thema präzisiert. Deine Abschlussarbeit hat nun einen konkreten inhaltlichen Schwerpunkt und grenzt dein Thema weiter ein. Daher ist die Forschungsfrage auch zentrales Element der Einleitung einer Bachelor- oder Masterarbeit (bspw. bei der “Zielsetzung der Arbeit”).
- Bei einer empirischen Untersuchung ist es sinnvoll, empirisch beantwortbare Forschungsfragen zu stellen. Das sind solche Fragen, die du mithilfe von gesammelten Daten (z.B. durch eine Umfrage oder eine Beobachtung) beantworten könntest, wie etwa: Wie wirkt sich der Bekanntheitsgrad der Politiker auf das Wahlverhalten aus?
- Aus der Wahl der Forschungsfrage lassen sich häufig bereits in diesem frühen Stadium der Arbeit ein Forschungsprozess (deduktiv oder induktiv) sowie die konkrete Forschungsmethode (qualitativ oder quantitativ) ableiten.
In unserem Beispiel wissen wir bereits aufgrund der Forschungsfragen, dass eine Online-Umfrage (also quantitative Methode) an sich für unsere Forschung gut eignen würde, da wir möglichst viele Daten sowie exakt messbare Ergebnisse benötigen.
Literaturtipp: Beller, Sieghard. (2016). Empirisch forschen lernen. Konzepte, Methoden, Fallbeispiele, Tipps. 2 Auflage. Huber Verlag: Bern. ➔ siehe vor allem Kap. 1, S. 9 - 25: „Von der Fragestellung zur Untersuchung“
Hypothese ableiten: Je konkreter die ausformulierte Hypothese, desto klarer wird deine Forschung sein
„Im allgemeinen Sinne ist eine Hypothese eine Vermutung über einen bestimmten Sachverhalt. Mit Hypothesen werden diejenigen Aussagen bezeichnet, die einen Zusammenhang zwischen mindestens zwei Variablen (z.B. soziale Merkmale) postulieren.“ (Raithel 2008: 14)
Vereinfacht formuliert, ist eine Hypothese im Gegensatz zu einer wissenschaftlichen Fragestellung (Forschungsfrage) eine eindeutige Aussage über den von dir untersuchten Sachverhalt, die entweder bestätigt oder widerlegt werden kann. Dabei sollten wissenschaftliche Hypothesen über den Einzelfall hinausgehen. Mit einer oder mehreren Hypothesen kannst du deine ursprüngliche Fragestellung noch stärker konkretisieren. Für den Umfang von studentischen Abschlussarbeiten bietet es sich erfahrungsgemäß an, zwei bis drei Hypothesen aufzustellen.
Es kommt bei studentischen Arbeiten häufiger vor, dass an dieser Stelle von einer These (= aus dem Griechischen „thésis“, was wörtlich Setzung/Satz bzw. eine aufgestellte Behauptung bedeutet) gesprochen wird. Diese ist keinesfalls mit einer wissenschaftlichen Hypothese zu verwechseln, auch wenn die Begriffe ähnlich klingen.
- Eine Hypothese (= aus dem Griechischen wörtlich „hypothesis“, was wörtlich Unterstellung bzw. Vermutung bedeutet) ist eine Vermutung, die für bestimmte Zwecke als wahr angenommen wird, bis sie bewiesen oder widerlegt wird. Im Gegensatz zur These ist die Hypothese spezifischer und stellt bereits einen Zusammenhang zwischen mindestens zwei Variablen her.
- Für eine empirische Forschung ist das Formulieren von Hypothesen unumgänglich, denn diese bilden vor allem in exakten Wissenschaften (z.B. in Physik, Biologie oder Soziologie) das Fundament einer Untersuchung.
- Bei einer theoretischen Forschung steht dagegen eine Interpretation oder Bewertung von Sachverhalten im Mittelpunkt. Daher arbeiten viele geisteswissenschaftliche Fächer wie Germanistik oder Philosophie mit Thesen statt mit Hypothesen.
Es gibt verschiedene Arten von Hypothesen, die wichtigste für deine empirische Untersuchung wird die s.g. Konditional- oder Kausalhypothese sein (= im lockeren Sprachgebrauch auch als „Je-desto-“ oder „Wenn-Dann-Hypothese“ bekannt). Sie bezeichnet eine Ursache oder Bedingung (= „Wenn“ oder „Je“) und eine daraus resultierende Wirkung (= „Dann“ oder „desto“):
- Wenn Bedienung X zutrifft, dann trifft Folge Y ein: Wenn Personen Frustration erleben, dann reagieren sie mit Gewalt.
- Je größer X, desto kleiner Y: Je höher der Zigarettenkonsum, desto geringer die Lebenserwartung.
Wie du bereits bei der Herleitung der Forschungsfrage festgestellt hast, haben die bisherigen Untersuchungen immer wieder Zusammenhänge zwischen Gewalt und dem Fernsehkonsum geschildert. Die wichtigsten Studien zu diesem Thema wurden allerdings in den 70er-90er Jahren durchgeführt. Für deine Untersuchung willst du schauen, ob es auch heutzutage einen generellen Zusammenhang zwischen dem Nachrichtenkonsum und dem Weltbild des Konsumenten gibt. Dabei brauchst du eine eindeutige Kausal- oder Konditionalhypothese.
Aus dem Thema “Zusammenhang zwischen regelmäßigem Konsum von audiovisuellen Nachrichten und dem mentalen Zustand ihrer Konsumenten” und den Forschungsfragen “Übt ein hoher Nachrichtenkonsum einen negativen Einfluss auf die mentale Gesundheit der Nutzer?” und “Wie wird das Weltbild von Zuschauern durch konsumierte Nachrichten verändert?” werden folgende Hypothesen abgeleitet:
- Hypothese 1: Je häufiger Fernsehnachrichten konsumiert werden, desto negativer ist die generelle Befindlichkeit der Rezipienten.
- Hypothese 2: Je höher der Bildungsabschluss eines Rezipienten, desto ausgewogener ist die persönliche Befindlichkeit.
Die wichtigsten Infos zur Hypothese im Überblick:
- Der Zweck einer Hypothese ist, deine wissenschaftliche Aussage so zu formulieren, dass du schließlich entscheiden kannst, ob sie statistisch verworfen werden kann oder nicht.
- Eigenschaften von Hypothesen: Damit eine Hypothese wissenschaftlichen Charakter hat, muss sie gewisse Kriterien erfüllen. Hierzu zählen: allgemeingültig, falsifizierbar (man kann sie widerlegen oder nicht widerlegen), widerspruchsfrei, nachvollziehbar (begründet), operationalisierbar (in Variablen übersetzbar).
- Damit die Hypothese auf ihren Wahrheitsgehalt überprüft werden kann, ist später bei der Datenanalyse eine Reihe von empirischen Tests notwendig. Ein wichtiges Instrument ist der Hypothesentest mithilfe einer Nullhypothese (= dem Gegenteil deiner Hypothese) und der Alternativhypothese (= Arbeitshypothese bzw. ein Sachverhalt, den du eigentlich beweisen möchtest).
➔ Das musst du aber am Anfang deiner Arbeit noch nicht beachten.
Hypothesen in die Abschlussarbeit integrieren: Unsere Tipps
Es gibt mehrere Möglichkeiten, an welcher Stelle du deine Hypothesen in der Abschlussarbeit unterbringen kannst:
- in der Einleitung
- in einem eigenständigen Kapitel am Anfang deiner Arbeit (z.B. direkt nach der Einleitung)
- nach dem Stand der Forschung
Hast du deine Hypothesen erst aus der bestehenden Literatur abgeleitet, macht es Sinn, diese in der Arbeit nach dem Stand der Forschung zu platzieren:
- Einleitung → Forschungsfrage
- Theorie / Stand der Forschung
- Forschungsmethoden → Hypothesen
Standen die Hypothesen (oder Arbeitshypothesen) bereits am Anfang deiner Forschung fest, sind diese nach der Einleitung und vor dem Stand der Forschung gut aufgehoben:
- Einleitung → Forschungsfrage
- Extra-Kapitel → Hypothesen
- Theorie / Stand der Forschung
- Forschungsmethoden
Es ist jedoch keine allgemeingültige Regel, an die du dich halten musst. Das Wichtigste beim Aufbau deiner Arbeit ist vielmehr, deine Forschung so logisch und nachvollziehbar wiederzugeben, dass der Lesende (= die Person, die deine Arbeit bewertet) deinem Gedankenstrang folgen kann.
Weiterführende Literatur
Beller, Sieghard. (2016). Empirisch forschen lernen. Konzepte, Methoden, Fallbeispiele, Tipps. 2 Auflage. Huber Verlag: Bern.
Eberhard, Kurt (1999). Einführung in die Erkenntnis- und Wissenschaftstheorie. 2. Auflage. Kohlhammer Verlag: Stuttgart.
Hunziker, Alexander W. (2013). Spass am wissenschaftlichen Arbeiten. So schreiben Sie eine gute Semester-, Bachelor- und Masterarbeit. 5. Auflage. SKV: Zürich.
Raithel, Jürgen (2008). Quantitative Forschung. Ein Praxiskurs. 2. Auflage. VS Verlag für Sozialwissenschaften: Wiesbaden.
Seiffert, Helmut (2003). Einführung in die Wissenschaftstheorie. Band I. 12. Auflage.C. H. Beck: München.
Häufig gestellte Fragen
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