Mindestens 200'000 Menschen in der Schweiz werden jedes Jahr für eine Befragung gezogen, bei der sie nicht ablehnen dürfen. Bei deiner eigenen Umfrage für die Bachelorarbeit ist das anders: Dort darf jede Person jederzeit abbrechen, ohne einen Grund zu nennen.
Eine Befragung ist eine Methode der Datenerhebung, bei der Menschen zu ihren Meinungen, Einstellungen, Kenntnissen oder ihrem Verhalten Auskunft geben, mündlich oder schriftlich. Sie kommt immer dann zum Einsatz, wenn sich der Gegenstand nicht beobachten lässt, sondern nur über Sprache zugänglich wird, etwa bei Motiven oder Werten. Am Ende weisst du, welche Befragungsart zu deiner Fragestellung passt und woran du merkst, dass die Methode die falsche ist.
📌 Das Wichtigste im Überblick
- Eine Befragung erhebt Daten über Sprache, nicht über Beobachtung.
- Standardisiert, halbstandardisiert, nichtstandardisiert: drei Grade, drei Auswertungswege.
- Quantitativ und standardisiert bedeuten nicht dasselbe.
- Die Strukturerhebung ist obligatorisch, die SAKE ausdrücklich freiwillig.
- Antworten können verzerrt sein, auch bei ehrlichen Teilnehmenden.
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Befragung: Definition und Abgrenzung zu anderen Methoden
Eine Befragung ist ein geplanter und zielgerichteter Kommunikationsprozess, bei dem eine forschende Seite Fragen stellt und eine befragte Seite antwortet, damit sich aus den Antworten systematisch Daten gewinnen lassen. In den Sozial-, Human- und Wirtschaftswissenschaften ist die Befragung die am häufigsten eingesetzte Erhebungsmethode.
Warum überhaupt fragen und nicht einfach hinschauen? In der empirischen Forschung gilt die Faustregel, dass die Befragung immer dann an die Reihe kommt, wenn das Interessierende nicht beobachtet, sondern nur über Sprache erfasst werden kann. Meinungen, Einstellungen, Werte und Emotionen gehören dazu. Wie oft jemand mit dem öffentlichen Verkehr zur Hochschule fährt, lässt sich auszählen. Warum jemand lieber das Velo nimmt, muss man erfragen.

Neben der Befragung stehen drei weitere Wege der Datenerhebung zur Wahl. Welcher passt, entscheidet nicht der Aufwand, sondern die Frage danach, wo die gesuchte Information überhaupt sitzt.
| Methode | Was sie erfasst | Wo sie an ihre Grenze stösst |
|---|---|---|
| Befragung | Meinungen, Einstellungen, Motive, berichtetes Verhalten | alles, was Befragte nicht wissen oder nicht sagen wollen |
| Beobachtung | tatsächliches Verhalten in einer Situation | Gründe und Absichten hinter dem Verhalten |
| Experiment | Wirkung einer gezielt veränderten Bedingung | Alltagsnähe, weil die Bedingungen künstlich gesetzt sind |
| Inhaltsanalyse | Merkmale vorhandener Texte, Bilder oder Videos | alles, was nie aufgezeichnet wurde |
Die Aufstellung macht den wichtigsten Vorbehalt gegenüber jeder Befragung sichtbar: Eine Befragung liefert Selbstauskünfte, keine Messwerte. Menschen können sich irren, unvollständig erinnern oder sich zu positiv einschätzen. Subjektive Einschätzungen und objektive Sachverhalte dürfen deshalb nicht gleichgesetzt werden.
Eine Befragung misst nicht, was Menschen tun. Sie erfasst, was Menschen darüber sagen.
Befragungstypen: quantitative und qualitative Befragung
Befragungen lassen sich in zwei grosse Typen einteilen: die quantitative Befragung, die viele Menschen mit denselben Fragen erreicht und statistisch ausgewertet wird, und die qualitative Befragung, die wenige Menschen ausführlich zu Wort kommen lässt. Der Unterschied liegt nicht in der Zahl der Teilnehmenden allein, sondern im Erkenntnisziel.
Eine quantitative Befragung prüft Annahmen, die vorher feststehen. Eine qualitative Befragung sucht Zusammenhänge, die noch niemand formuliert hat. Wer schon eine Hypothese hat, zählt. Wer noch keine hat, hört zu. Beide Typen lassen sich kombinieren, etwa indem einige Interviews die Fragen für den späteren Fragebogen liefern.
Quantitative Befragung: messen und vergleichen
Die quantitative Befragung arbeitet mit einem für alle gleichen Fragebogen, meist online, schriftlich, telefonisch oder im persönlichen Gespräch. Gefragt wird überwiegend mit geschlossenen Fragen, also mit vorgegebenen Antwortmöglichkeiten. Weil die Bedingungen für alle Befragten gleich bleiben, lassen sich die Antworten zusammenzählen, in Gruppen aufteilen und miteinander vergleichen. Wie eine quantitative Befragung im Detail aufgebaut ist, steht in einem eigenen Beitrag.
Was die quantitative Befragung leistet
- Sie liefert Zahlen, die sich statistisch prüfen lassen.
- Sie erreicht auch grosse Gruppen zu vertretbaren Kosten.
- Sie hält die Befragungssituation für alle konstant.
- Sie erlaubt einen Vergleich über mehrere Erhebungszeitpunkte.
Qualitative Befragung: verstehen und rekonstruieren
Die qualitative Befragung läuft als Gespräch, meist als Leitfaden-, Experten- oder narratives Interview und oft mit einer einstelligen Zahl an Teilnehmenden. Die Fragen sind offen, und die befragte Person entscheidet mit, welche Aspekte sie ausführt. Genau darin liegt der Ertrag: Was jemand von sich aus betont oder auslässt, ist selbst schon ein Befund. Die Auswertung dieser Gespräche beschreibt der Beitrag zur qualitativen Befragung.
Was die qualitative Befragung leistet
- Sie erschliesst Themen, zu denen es noch keine Theorie gibt.
- Sie erlaubt Nachfragen im laufenden Gespräch.
- Sie macht Begründungen und Widersprüche sichtbar.
- Sie kommt mit wenigen, gezielt ausgewählten Fällen aus.
Standardisierungsgrad: standardisiert, halbstandardisiert oder offen
Der Standardisierungsgrad einer Befragung beschreibt, wie stark Wortlaut und Reihenfolge der Fragen vorher festgelegt sind. Die Methodenlehre unterscheidet drei Grade, und diese Entscheidung trifft das Forschungsdesign, nicht die befragende Person im Gespräch.
| Grad | Wie die Fragen laufen | Wofür der Grad taugt |
|---|---|---|
| Standardisiert | Wortlaut, Reihenfolge und Antwortvorgaben sind für alle gleich | Hypothesen prüfen, statistisch auswerten |
| Halbstandardisiert | ein Leitfaden gibt Themen und Reihenfolge vor, die Formulierung ist frei | Fachleute befragen, schnell zu bekannten Punkten kommen |
| Nichtstandardisiert | nur das Thema steht fest, der Gesprächsverlauf entsteht im Interview | Theorien bilden, unbekanntes Terrain erschliessen |
Häufig liest man, standardisiert sei ein anderes Wort für quantitativ. Das stimmt so nicht. Der Standardisierungsgrad und die Frage nach Zahlen oder Text sind zwei getrennte Achsen. Das halbstandardisierte Leitfadeninterview ist dafür das beste Beispiel: Es folgt einem festen Themenplan und wertet trotzdem Text aus, nicht Zahlen.
Der praktische Nutzen dieser Unterscheidung zeigt sich beim Schreiben des Instruments. Ein standardisierter Fragebogen muss vor dem ersten Versand fertig sein, weil jede spätere Änderung die Vergleichbarkeit zerstört. Ein Leitfaden darf zwischen dem zweiten und dritten Interview noch wachsen, solange die Änderung im Methodenteil dokumentiert wird. Weiterführende Hinweise stehen im Beitrag zu Objektivität, Reliabilität und Validität.
Befragungsarten: nach Form, Themenzahl und Häufigkeit
Befragungsarten unterscheiden sich vor allem in drei Punkten: auf welchem Weg gefragt wird, wie viele Themen ein Fragebogen abdeckt und wie oft dieselbe Erhebung wiederholt wird. Dazu kommt die Unterscheidung zwischen direkter und indirekter Fragestellung.
Die Einteilungen schliessen sich nicht aus, sie liegen übereinander. Eine Erhebung kann gleichzeitig telefonisch, einthemig und als Panel angelegt sein. Für den Methodenteil einer Arbeit heisst das: Alle drei Achsen gehören benannt, sonst bleibt der Aufbau der Befragung unklar.
Befragungsformen: persönlich, schriftlich, telefonisch, online
Die persönliche Befragung ist das klassische Interview von Angesicht zu Angesicht, die schriftliche Befragung läuft über einen Papierfragebogen per Post, die telefonische Befragung über ein Gespräch am Telefon und die Online-Befragung über einen Link im Browser. Welche Form passt, entscheidet sich an vier Punkten: Ein persönliches Interview verträgt lange Fragebögen, kostet aber am meisten. Telefon und Internet liefern schnell Ergebnisse, Post und persönliches Interview brauchen länger. Bilder oder Videos als Reize lassen sich persönlich und online gut zeigen, am Telefon gar nicht. Stärken und Grenzen der digitalen Variante behandelt der Beitrag zur Online-Befragung.
💡 Tipp
Lass den Teilnehmenden die Wahl des Wegs, wenn eine Gruppe sonst herausfällt. Die Schweizer Strukturerhebung macht es genau so: Wer angeschrieben wird, kann online antworten oder den Papierfragebogen ausfüllen. Damit fällt niemand heraus, nur weil er nicht am Bildschirm antworten will.
Befragungsarten nach Themenzahl und Häufigkeit: Omnibus, Panel und Welle
Eine Einthemenbefragung behandelt genau ein Thema, eine Omnibusbefragung bündelt mehrere Auftraggeber in einem Fragebogen und teilt so die Kosten. Nach der Häufigkeit trennt die Marktforschung die Einmalbefragung von der Wiederholungsbefragung, und die Wiederholung zerfällt noch einmal in zwei Fälle: Bei der Panelbefragung werden immer dieselben Personen gefragt, bei der Wellenbefragung jedes Mal andere. Der Unterschied ist folgenreich, denn nur ein Panel zeigt Veränderungen bei einzelnen Personen. Eine Welle zeigt Veränderungen im Durchschnitt.
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Ist die Teilnahme an einer Befragung freiwillig?
Die Teilnahme an einer Befragung ist in der Schweiz meistens freiwillig, aber nicht immer. Beim Bundesamt für Statistik hängt es an der einzelnen Erhebung: Die Strukturerhebung ist obligatorisch, die Schweizerische Arbeitskräfteerhebung SAKE ist ausdrücklich freiwillig.
Die Strukturerhebung ist der jährliche Teil der Volkszählung. Gezogen werden mindestens 200'000 Personen ab 15 Jahren, die in einem Privathaushalt leben, Stichtag ist jeweils der 31. Dezember. Kantone und Städte können die Stichprobe auf eigene Kosten aufstocken. Das Obligatorium steht laut Bundesamt für Statistik in Artikel 10 des Volkszählungsgesetzes. Bei anderen Bundeserhebungen wird die Auskunftspflicht nicht pauschal geregelt, sondern erhebungsweise im Anhang der Statistikerhebungsverordnung festgelegt.
⚠️ Achtung
Obligatorisch heisst in der Schweiz nicht automatisch: Busse. Das Volkszählungsgesetz sieht für die Strukturerhebung laut Bundesamt für Statistik keine Bussen vor, sondern eine Aufwandgebühr für den Mehraufwand durch Erinnerungsschreiben und Rückfragen. Weil die Teilnahmebereitschaft hoch ist, wurden bisher keine Gebühren erhoben (Stand: August 2026).
Für deine eigene Befragung gilt keine dieser Regeln. Eine Erhebung für eine Bachelorarbeit, einen Verein oder ein Unternehmen ist immer freiwillig, und das gehört auch in den Einladungstext. Dazu kommt die Aufklärung darüber, welche Daten bearbeitet werden und wie lange, denn das revidierte Datenschutzgesetz verlangt Transparenz vor der Erhebung. Mehr dazu steht im Beitrag zum Datenschutz bei Umfragen.
Quelle: Bundesamt für Statistik, Strukturerhebung (abgerufen am 23.08.2026).
Typische Fehler bei Befragungen
Die meisten Schwächen einer Befragung entstehen nicht in der Auswertung, sondern viel früher: beim Formulieren der Fragen und bei der Entscheidung, wen man überhaupt anspricht. Der Fachbegriff dafür lautet Validität. Gemeint ist die unangenehme Möglichkeit, dass eine Erhebung sauber durchgeführt wird und trotzdem etwas anderes misst, als in der Forschungsfrage steht.
Fünf Muster begegnen einem dabei immer wieder. Keines davon lässt sich nachträglich reparieren, alle fünf lassen sich vorher ausschalten.
Soziale Erwünschtheit verschiebt die Antworten
Wer befragt wird, antwortet gern so, wie es gut aussieht. Bei Themen wie Alkohol, Bewegung, Spenden oder Recycling fällt das Selbstbild deshalb verlässlich schöner aus als der Alltag. Zusicherung von Anonymität dämpft den Effekt, weil sich keine Antwort mehr einer Person zuordnen lässt. Eine Mitarbeitendenbefragung, deren Auswertung die Führungsebene Zeile für Zeile lesen könnte, erhebt hauptsächlich Zurückhaltung.
Der Auswahlrahmen passt nicht zur Grundgesamtheit
Bevor jemand befragt werden kann, braucht es eine Liste, aus der gezogen wird. Das Bundesamt für Statistik zieht seine Stichproben aus den harmonisierten Einwohnerregistern, weil dort praktisch die gesamte Wohnbevölkerung erfasst ist. Wer stattdessen über einen Instagram-Aufruf oder einen Aushang am Institut rekrutiert, zieht aus einer viel schmaleren Liste und erfährt am Ende vor allem etwas über die eigene Blase. Der Weg der Kontaktaufnahme gehört deshalb in den Methodenteil, samt der Frage, wer dabei systematisch fehlt.
Fragen zur Vergangenheit treffen auf lückenhafte Erinnerung
Jede Rückblickfrage unterstellt, dass die befragte Person sich korrekt erinnert. Bei einem Umzug oder einer Operation funktioniert das, bei Routinen fast nie. Die Frage, wie oft jemand im vergangenen Jahr den öffentlichen Verkehr genutzt hat, liefert einen geschätzten Wert, keinen gemessenen. Kurze Zeiträume und harte Bezugspunkte helfen, etwa „in den vergangenen sieben Tagen“ statt „üblicherweise“.
Fragereihenfolge und Antwortvorgaben steuern das Ergebnis
Reihenfolge und Auswahl der vorgegebenen Antworten wirken systematisch auf das Antwortverhalten. Eine Frage nach der Gesamtzufriedenheit fällt anders aus, wenn direkt davor fünf Fragen über Ärgernisse standen. Und fehlt in einer Liste ausgerechnet die zutreffende Option, kreuzt die befragte Person die nächstbeste an. Die Auswertung zeigt dann ein Ergebnis, das nie jemand gemeint hat. Der Beitrag zum Fragebogen erstellen behandelt das ausführlich.
Die Mehrsprachigkeit wird zu spät mitgedacht
In der Schweiz kommt ein Problem dazu, das anderswo selten auftaucht: Eine Befragung, die nur auf Deutsch läuft, schneidet die französisch- und italienischsprachigen Landesteile ab. Das Bundesamt für Statistik führt seine Erhebungen deshalb in mehreren Landessprachen. Wer national auswerten will, plant die Übersetzung vor dem Pretest ein, nicht danach, denn eine nachträglich übersetzte Frage ist eine andere Frage.
Fazit
Eine Befragung ist stark, wenn es um Meinungen, Gründe und Einschätzungen geht, und schwach überall dort, wo sich etwas direkt messen lässt. Bevor du den ersten Fragebogen schreibst, entscheide deshalb zwei Dinge in dieser Reihenfolge: ob die Befragung überhaupt die passende Methode ist, und welchen Standardisierungsgrad deine Fragestellung verträgt. Alles Weitere, von der Form bis zur Auswertung, folgt aus diesen beiden Antworten.
Wie es weitergeht
- Du willst wissen, wo der Unterschied zwischen Umfrage und Befragung liegt? Was ist eine Umfrage?
- Du entscheidest noch zwischen den beiden Typen? Qualitative und quantitative Umfrage im Vergleich
- Du brauchst jetzt den passenden Fragebogen? Fragebogen erstellen: Anleitung und Aufbau
- Deine Befragung soll online laufen? Online-Befragung: Vorteile und Nachteile
- Du fragst dich, wie viele Teilnehmende du brauchst? Repräsentative Umfrage: Kriterien und Grenzen
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