empirio.ai

Qualitative Forschung: Ablauf, Methoden und Beispiel

Qualitative Forschung gilt als die Methode für kleine Fallzahlen. Entscheidend ist aber nicht, wie viele Menschen du befragst, sondern nach welcher Logik du sie auswählst.

Autorin bei empirio.ai - Maria Malzewvon Maria MalzewAktualisiert am 5. September 2026Lesezeit 13 Min.

„Wie viele Interviews muss ich denn führen?“ Diese Frage steht am Anfang fast jeder empirischen Abschlussarbeit, und die meisten Ratgeber antworten mit „das kommt darauf an“. Dabei liegen seit zwanzig Jahren belastbare Zahlen vor.

Qualitative Forschung ist ein Vorgehen, das wenige Fälle in die Tiefe untersucht, um zu verstehen, wie Menschen etwas erleben, deuten und begründen. Sie arbeitet mit offenen Fragen statt festen Antwortvorgaben, wählt ihre Fälle gezielt statt zufällig aus und wertet Text aus statt Zahlen. Am Ende dieses Beitrags weißt du, welches Verfahren zu deiner Fragestellung passt, wie du deine Fallzahl gegenüber deiner Betreuung begründest und woran du merkst, dass du besser quantitativ arbeitest.


📌 Das Wichtigste im Überblick

  • Qualitative Forschung geht in die Tiefe, nicht in die Breite.
  • Sättigung trat bei sechzig Interviews schon nach zwölf ein (2006).
  • Die Fallauswahl folgt Kriterien, nie einer Zufallsstichprobe.
  • Leitfadeninterview, Gruppendiskussion und Inhaltsanalyse sind die häufigsten Verfahren.
  • Für Häufigkeiten und Wirkungsnachweise brauchst du quantitative Forschung.

Kostenlos Umfrage erstellen

Mit empirio.ai erstellst du in wenigen Minuten eine moderne Online-Umfrage – mit Hosting in der EU.

  • Umfrage per KI
  • Per Drag & Drop anpassen
  • Auswertung in Echtzeit
Jetzt kostenlos starten

Was ist qualitative Forschung?

Qualitative Forschung ist der Sammelbegriff für alle empirischen Verfahren, deren Ergebnis eine Deutung ist und keine Messung: Sie erheben Text, Bild und Ton, ordnen dieses Material in seinen Zusammenhang ein und rekonstruieren daraus, welchen Sinn die untersuchten Personen ihrem Handeln geben.

Der Unterschied zur quantitativen Forschung beginnt schon bei der Frage. Wer wissen will, wie viel Prozent der Studierenden abends Nachrichten schauen, braucht Zahlen. Wer wissen will, warum jemand damit aufgehört hat und was das für seinen Tag bedeutet, braucht eine Erzählung. Beide Fragen sind wissenschaftlich, aber sie verlangen unterschiedliche Werkzeuge.

Drei Merkmale ziehen sich durch alle qualitativen Verfahren. Das Methodenzentrum der Ruhr-Universität Bochum nennt in seinem Lehrmodul zu den qualitativen Erhebungsmethoden als Kern das Verstehen, die Exploration eines wenig erforschten Feldes und die Theoriegenerierung aus dem Material heraus (Methodenzentrum der Ruhr-Universität Bochum). Dazu kommt ein viertes, praktisches Merkmal: Der Ablauf bleibt beweglich. Wenn im dritten Interview ein Thema auftaucht, an das vorher niemand gedacht hat, darf der Leitfaden wachsen.

Qualitative Forschung sagt dir nicht, wie viele. Sie zeigt dir, wie und warum.

Die Grenze des Verfahrens folgt aus derselben Bauart. Weil die Fälle bewusst und nicht zufällig ausgewählt werden, gelten die Ergebnisse zunächst für diese Fälle und nicht für eine Grundgesamtheit. Mehr zur Herkunft des offenen, vom Material ausgehenden Denkens steht im Beitrag zur deduktiven und induktiven Forschung.

Qualitativ oder quantitativ: was den Unterschied ausmacht

Den Unterschied zwischen qualitativer und quantitativer Forschung macht nicht die Fallzahl, sondern die Frage, die du beantworten willst. Eine Studie mit zwölf Personen ist nicht deshalb qualitativ, weil zwölf wenig ist, sondern weil sie offene Antworten erhebt und interpretiert.

Der Irrtum, qualitativ heiße einfach „wenige Fälle“, hält sich hartnäckig und kostet Abschlussarbeiten regelmäßig eine Note. Wer 200 Fragebögen mit fünf offenen Feldern verschickt und die Antworten anschließend nach Häufigkeit auszählt, hat quantitativ gearbeitet, auch wenn die Fragen offen waren. Umgekehrt bleibt eine Studie qualitativ, wenn sie acht Interviews gründlich kodiert.

KriteriumQualitative ForschungQuantitative Forschung
LeitfrageWie und warum?Wie viele und wie stark?
Fallauswahlgezielt nach Kriterienmöglichst zufällig
Erhebungoffen, Leitfaden statt Skriptstandardisiert, für alle gleich
MaterialText, Bild, TonZahlen und Skalenwerte
AuswertungKodieren und InterpretierenRechnen und Testen
Reichweitegilt für die untersuchten Fällegilt bei sauberer Ziehung für die Grundgesamtheit

Die Begriffe selbst und ihre Herkunft klären wir im Beitrag qualitativ vs. quantitativ. Wenn du die Vor- und Nachteile beider Ansätze gegenüberstellen willst, findest du sie gesammelt bei den qualitativen und quantitativen Forschungsmethoden.

Methoden der qualitativen Datenerhebung

Die Methoden der qualitativen Datenerhebung unterscheiden sich vor allem darin, wie nah sie an die Situation herankommen, über die du etwas erfahren willst. Ein Interview holt die Deutung einer Person ein. Eine Beobachtung sieht das Verhalten selbst. Eine Inhaltsanalyse arbeitet mit Material, das ohne dein Zutun entstanden ist.

Die Wahl fällt deshalb nicht nach Sympathie, sondern nach der Fragestellung. Geht es um Motive und Begründungen, führt fast kein Weg am Gespräch vorbei. Geht es um Abläufe, die den Beteiligten selbst kaum bewusst sind, ist eine Beobachtung ehrlicher als jede Nachfrage. Und wenn dein Gegenstand ohnehin aus Texten oder Bildern besteht, brauchst du niemanden zu befragen.

VerfahrenWofür es taugtWo es an Grenzen stößt
LeitfadeninterviewMotive, Deutungen, Biografischeszeigt nur, was gesagt wird
ExpertinneninterviewFachwissen aus einem FeldTerminfindung, oft lange Vorlaufzeit
Gruppendiskussiongemeinsame Aushandlung von Meinungenlaute Stimmen überdecken leise
Qualitative BeobachtungHandeln in der echten SituationMotive bleiben unsichtbar
TagebuchstudieAlltag über einen Zeitraumhohe Abbruchquote
Qualitative Inhaltsanalysevorhandene Texte, Bilder, Medienkein Nachfragen möglich

Das Leitfadeninterview: der Normalfall in Abschlussarbeiten

Das Leitfadeninterview ist in studentischen Arbeiten das mit Abstand häufigste Verfahren, weil es mit überschaubarem Aufwand tiefes Material liefert. Du bereitest einen Leitfaden mit offenen Fragen vor, hältst dich aber nicht sklavisch daran, sondern fragst nach, wo es interessant wird. Der Leitfaden ist ein Geländer, kein Drehbuch. Wie du die Fragen dafür formulierst, steht ausführlich bei der qualitativen Befragung.

Die qualitative Beobachtung: offen statt nach festem Raster

Die qualitative Beobachtung wird häufig mit ihrem quantitativen Gegenstück verwechselt. Sobald du vorab ein festes Zählraster anlegst und im Feld nur noch Striche machst, erhebst du Häufigkeiten und arbeitest damit quantitativ. Qualitativ bleibt die Beobachtung, solange du ausführliche Feldnotizen schreibst statt zu zählen. Ob deine Kategorien aus der Theorie stammen oder erst aus dem Material entstehen, ist davon unabhängig und eine zweite Entscheidung.

⚠️ Achtung

Wer eine Beobachtung mit fertigem Zählraster durchführt und sie im Methodenteil „qualitativ“ nennt, beschreibt sein eigenes Vorgehen falsch. Entscheide dich vor dem Feldzugang, ob die Kategorien vorher feststehen oder hinterher entstehen, und schreibe genau das in die Arbeit.

Wie viele Interviews brauchst du?

Wie viele Interviews du brauchst, lässt sich nicht aus einer Formel ableiten, aber es gibt empirische Anhaltspunkte: In der Untersuchung von Guest, Bunce und Johnson (2006) trat die Sättigung innerhalb der ersten zwölf von insgesamt sechzig Interviews ein, die Grundzüge der übergreifenden Themen zeigten sich sogar schon nach sechs.

Sättigung meint dabei den Punkt, an dem weitere Gespräche keine neuen Themen mehr hervorbringen. Guest und seine Kolleginnen haben das an ihrem eigenen Material systematisch nachgezählt, statt es nur zu behaupten, und ihre Studie wird in dieser Frage bis heute sehr häufig zitiert (Guest, Bunce und Johnson 2006: How Many Interviews Are Enough?, Field Methods 18(1), S. 59 bis 82).

Sättigung: die belegten Spannen

Ein systematischer Überblick von Hennink und Kaiser (2022) hat 23 Arbeiten zur Sättigung ausgewertet, davon 17 mit eigenen empirischen Daten. In diesen 17 war die Spanne erstaunlich eng: Sättigung trat bei 9 bis 17 Interviews oder 4 bis 8 Gruppendiskussionen ein. Die Autorinnen nennen dazu ausdrücklich eine Bedingung, und die ist wichtiger als die Zahl selbst: Das gilt vor allem für vergleichsweise homogene Gruppen und eng gefasste Fragestellungen (Social Science & Medicine 292, Artikel 114523).

Zwei Begriffe werden dabei oft verwechselt, und der Unterschied gehört in jeden Methodenteil. Die Zahlen oben messen, ab wann keine neuen Themen mehr auftauchen. Theoretische Sättigung in der Grounded Theory meint etwas anderes: den Punkt, an dem sich keine theoretisch bedeutsamen Unterschiede mehr finden lassen. Wer beides gleichsetzt, begründet seine Fallzahl mit dem falschen Konzept.

So begründest du deine Fallzahl

Für deine Arbeit heißt das zweierlei. Erstens: Zehn bis fünfzehn Interviews sind für eine eng gefasste Bachelor- oder Masterarbeit ein gut begründbarer Rahmen. Zweitens: Sobald deine Gruppe heterogen ist, du mehrere Länder, Milieus oder Altersgruppen vergleichst oder nach feinen Bedeutungsunterschieden suchst, brauchst du mehr, und die Zahlen oben tragen deine Begründung nicht mehr.

💡 Tipp

Schreib die Fallzahl nie als nackte Zahl in den Methodenteil. Formuliere sie als Entscheidung mit Begründung: „Geplant waren acht Interviews, weil alle Befragten dieselbe Ausbildung durchlaufen haben. Nach dem siebten Gespräch traten keine neuen Themen mehr auf.“ Diese zwei Sätze machen die Zahl nachvollziehbar, eine nackte Zahl bleibt angreifbar.

Maßgeblich bleibt am Ende die Vorgabe deiner Hochschule. Manche Prüfungsordnungen und Institute nennen eigene Mindestzahlen, und die gehen jeder Empfehlung aus der Literatur vor.

Kostenlos Umfrage erstellen

Mit empirio.ai erstellst du in wenigen Minuten eine moderne Online-Umfrage – mit Hosting in der EU.

  • Umfrage per KI
  • Per Drag & Drop anpassen
  • Auswertung in Echtzeit
Jetzt kostenlos starten

Fallauswahl in der qualitativen Forschung

Die Fallauswahl in der qualitativen Forschung folgt Kriterien, nicht dem Zufall. Während eine quantitative Studie zufällig zieht, damit die Stichprobe die Grundgesamtheit abbildet, suchst du hier gezielt die Fälle, an denen sich dein Gegenstand am deutlichsten zeigt.

Wie eine Stichprobe in der quantitativen Forschung berechnet wird, ist deshalb für dich hier nicht die richtige Rechnung. Das Methodenportal QUASUS der Pädagogischen Hochschule Freiburg beschreibt das Ziel als „eine möglichst heterogene, in den relevanten Merkmalen maximal kontrastierte und somit informative Gruppe“ (QUASUS, PH Freiburg). Es geht also nicht um Durchschnitt, sondern um Spannweite. Wer Motive für den Studienabbruch untersucht, sucht bewusst den Ingenieurstudenten im ersten Semester und die Lehramtsstudentin kurz vor dem Examen.

Zwei Wege sind gängig

  • Vorab festgelegte Auswahl: Du bestimmst die Kriterien aus deiner Theorie, bevor du ins Feld gehst.
  • Theoretisches Sampling: Du entscheidest nach jedem Fall neu, wen du als Nächstes brauchst.

Beim theoretischen Sampling wird das Sample nach Darstellung des Methodenzentrums der Ruhr-Universität Bochum nicht vorab festgelegt, sondern im Forschungsprozess schrittweise entwickelt. Abgebrochen wird, wenn sich keine theoretisch relevanten Unterschiede mehr finden lassen. Für eine Abschlussarbeit mit festem Abgabetermin ist der erste Weg meist der realistischere, weil du beim zweiten nicht weißt, wann du fertig bist.

Woran eine qualitative Studie am Ende gemessen wird, ist ebenfalls eine eigene Frage: Objektivität, Reliabilität und Validität stammen aus der quantitativen Tradition und lassen sich nicht unverändert übertragen. Welche Kataloge stattdessen gelten, steht bei den Gütekriterien qualitativer und quantitativer Forschung.

Ablauf einer qualitativen Studie

Der Ablauf einer qualitativen Studie führt in sechs Schritten von der Frage zum Ergebnis, und anders als bei einer quantitativen Erhebung darfst du dabei zurückspringen. Wer im vierten Schritt merkt, dass der Leitfaden am Thema vorbeigeht, überarbeitet ihn und führt die nächsten Gespräche anders.

Die Beweglichkeit des qualitativen Vorgehens ist trotzdem kein Freibrief. Jede Änderung am Vorgehen gehört dokumentiert, sonst lässt sich die Studie hinterher nicht nachvollziehen. Was du im Methodenteil beschreibst, muss dem entsprechen, was tatsächlich passiert ist.

  1. Fragestellung schärfen. Aus „Wie erleben Studierende Nachrichten?“ wird „Wie begründen Lehramtsstudierende im dritten Semester, dass sie abends keine Nachrichten mehr schauen?“ Erst diese Zuspitzung macht die Fallauswahl entscheidbar. Mehr dazu bei den Kriterien für gute Forschungsfragen und Hypothesen.
  2. Verfahren wählen und begründen. Die Entscheidung für Interview, Beobachtung oder Inhaltsanalyse folgt aus der Frage. Halte die Begründung in einem Absatz fest, sie gehört später wörtlich in den Methodenteil.
  3. Fälle auswählen und Feldzugang klären. Wen brauchst du, wie viele, und über welchen Weg erreichst du diese Menschen? Der Feldzugang ist in der Praxis der häufigste Grund für Verzögerungen.
  4. Erheben und aufzeichnen. Aufnahmegerät testen, Einwilligung schriftlich einholen, ruhigen Raum organisieren. Eine unbrauchbare Aufnahme kostet dich das ganze Gespräch.
  5. Transkribieren und kodieren. Aus Ton wird Text, aus Text werden Kategorien. Rechne den Zeitbedarf großzügig, das Abtippen dauert ein Vielfaches der Gesprächsdauer.
  6. Auswerten und einordnen. Die Kategorien werden zu Aussagen, die Aussagen werden mit der Literatur ins Verhältnis gesetzt. Erst hier entsteht das Ergebnis.

Für die Auswertung ist die qualitative Inhaltsanalyse nach Philipp Mayring eines der im deutschsprachigen Raum am häufigsten angewandten Verfahren. Sie unterscheidet die drei Grundformen Zusammenfassung, Explikation und Strukturierung (Mayring: Qualitative Inhaltsanalyse. Grundlagen und Techniken, 13. Auflage, Beltz 2022). Wie sich die Erhebung in den gesamten Forschungsablauf einfügt, zeigt der Beitrag zur Datenerhebung.

Wann qualitative Forschung die falsche Wahl ist

Qualitative Forschung ist die falsche Wahl, sobald deine Frage nach einer Menge, einem Anteil oder einem geprüften Zusammenhang verlangt. Zwölf Interviews sagen dir, welche Begründungen es gibt, aber nicht, wie verbreitet sie sind. Aus dieser Verwechslung entsteht ein Ergebnisteil, den jede Zweitkorrektur angreifen kann.

In diesen sechs Fällen brauchst du ein anderes Design:

  • Deine Frage beginnt mit „wie viele“, „wie oft“ oder „wie stark“.
  • Du willst eine Aussage über eine ganze Gruppe treffen, nicht über deine Fälle.
  • Du willst zwei Zeitpunkte oder zwei Gruppen statistisch vergleichen.
  • Deine Betreuung verlangt ausdrücklich einen Signifikanztest.
  • Du hast keinen Zugang zu Menschen, die ausführlich mit dir sprechen.
  • Dir bleiben bis zur Abgabe weniger als acht Wochen für Erhebung und Auswertung.

Am häufigsten unterschätzt wird der Zeitbedarf. Zwischen dem ersten Terminvorschlag und der fertigen Kodierung liegen bei zwölf Interviews mehrere Wochen reine Arbeitszeit, und der größte Teil davon entfällt auf das Abtippen.

Der Irrtum mit Ursache und Wirkung

Häufig liest man, qualitative Forschung decke Ursache und Wirkung auf. Das stimmt nur in einem sehr engen Sinn. Aus einem Interview erfährst du, welchen Zusammenhang eine Person selbst zwischen zwei Dingen herstellt, und das ist ein wertvoller Befund. Ob dieser Zusammenhang über den Einzelfall hinaus trägt, ist damit nicht geprüft. QUASUS formuliert dafür die Bedingung deutlich: Um die von einer Theorie vorhergesagten Beziehungen und Wirkungen zu prüfen, braucht es hypothesenprüfende Verfahren und hinreichend große, repräsentative Stichproben (QUASUS, PH Freiburg).

Mixed Methods: beide Wege zusammen

Qualitative und quantitative Teile lassen sich kombinieren, dieses Vorgehen heißt Mixed Methods. Üblich sind drei Grundformen: beide Teile parallel, erst qualitativ und dann quantitativ, oder erst quantitativ und dann qualitativ zur Erklärung. Die entscheidende Frage lautet, welche deiner Fragen sich mit nur einem Zugang nicht beantworten lässt. Eine ehrliche Warnung gehört dazu: In der Praxis werden die beiden Teile selten wirklich zusammengeführt, und zwei Erhebungen bedeuten fast immer deutlich mehr Aufwand.

Beispiel für eine qualitative Forschung

Ein Beispiel für eine qualitative Forschung macht die Schritte greifbarer als jede Definition. Nehmen wir an, du schreibst deine Bachelorarbeit über Nachrichtenvermeidung und willst wissen, warum junge Menschen aufhören, Nachrichten zu verfolgen.

Das Beispiel ist erfunden, das Vorgehen nicht: Genau so läuft eine Interviewstudie in einer Abschlussarbeit ab, von der ersten Zuspitzung der Frage bis zu dem Satz, der am Ende in den Limitationen steht.

Die Fragestellung

„Wie begründen Studierende zwischen 20 und 26 Jahren, dass sie ihren Nachrichtenkonsum bewusst eingeschränkt haben?“ Die Frage ist eng genug für eine Abschlussarbeit und offen genug für Erzählungen. Eine Hypothese brauchst du hier nicht, weil du nicht prüfst, sondern erkundest.

Die Methodenwahl

Du entscheidest dich für das Leitfadeninterview, weil du Begründungen und Deutungen brauchst und beides nur im Gespräch entsteht. Eine Beobachtung fällt aus, denn Nachrichtenvermeidung besteht aus Nichthandeln. Eine Tagebuchstudie käme in Frage, verlangt aber wochenlange Mitarbeit und wäre für die Frage nach den Gründen zu indirekt.

Die Fallzahl

Du planst zwölf Interviews. Die Begründung: Die Gruppe ist in Alter und Lebenssituation homogen, die Fragestellung ist eng gefasst, und für genau diese Konstellation nennt der Überblick von Hennink und Kaiser (2022) eine Spanne von 9 bis 17 Interviews. Nach dem elften Gespräch tauchen keine neuen Begründungsmuster mehr auf, und das zwölfte bestätigt den Befund.

Die Auswertung

Du transkribierst alle Gespräche, liest sie zweimal und vergibst Kategorien nah am Text: Überforderung, immer dieselben schlechten Nachrichten, Ohnmacht, bewusste Zeitgrenze. Anschließend fasst du zusammen, welche Kategorien wie zusammenhängen, und ordnest das Ergebnis in den Forschungsstand ein.

Was am Ende dasteht, und was nicht

Dein Ergebnis lautet: Es gibt vier wiederkehrende Begründungsmuster für Nachrichtenvermeidung, und drei davon beschreiben Erschöpfung, nicht Desinteresse. Was du nicht sagen kannst: wie viel Prozent der Studierenden in Deutschland Nachrichten vermeiden. Genau dieser Satz gehört in deine Limitationen, und er macht die Arbeit stärker, nicht schwächer.

Fazit

Qualitative Forschung lohnt sich immer dann, wenn du verstehen willst, wie Menschen etwas erleben und begründen. Entscheide dich früh und schreibe die Begründung auf, denn Betreuende bewerten die nachvollziehbare Entscheidung höher als die vermeintlich anspruchsvollere Methode. Eine kleine, sauber begründete Interviewstudie schlägt eine große Befragung ohne Konzept.

Wie es weitergeht


Offene Antworten sammeln, ohne Zettelwirtschaft?

Mit empirio.ai, einem Online-Umfrage-Tool aus Deutschland, stellst du offene Fragen, sammelst die Antworten an einem Ort und exportierst sie für die Auswertung.

Umfrage kostenlos erstellen

Häufig gestellte Fragen

Qualitative Forschung untersucht wenige Fälle gründlich, um zu verstehen, wie Menschen etwas erleben und begründen. Statt Zahlen erhebt sie Text, Bild und Ton, meist über offene Interviews, Gruppendiskussionen oder Beobachtungen. Ausgewertet wird durch Kodieren und Interpretieren. Das Ergebnis ist kein Prozentwert, sondern eine Beschreibung von Mustern und Deutungen.

Guest, Bunce und Johnson (2006) fanden Sättigung innerhalb der ersten zwölf von sechzig Interviews. Der systematische Überblick von Hennink und Kaiser (2022) nennt für homogene Gruppen und eng gefasste Fragestellungen 9 bis 17 Interviews oder 4 bis 8 Gruppendiskussionen. Bei heterogenen Gruppen liegt der Bedarf höher. Vorgaben der Hochschule gehen vor.

Zur qualitativen Forschung gehören vor allem Leitfaden- und Expertinneninterview, Gruppendiskussion, qualitative Beobachtung, Tagebuchstudie sowie die qualitative Inhalts- und Dokumentenanalyse. Welches Verfahren passt, entscheidet die Fragestellung und nicht die Vorliebe: Motive und Begründungen erschließt das Gespräch, unbewusste Abläufe die Beobachtung, bereits vorhandenes Material die Inhaltsanalyse. In Abschlussarbeiten ist das Leitfadeninterview der Normalfall.

Qualitative Forschung ist im statistischen Sinn nicht repräsentativ, und das ist beabsichtigt. Die Fälle werden gezielt nach Kriterien ausgewählt, nicht zufällig gezogen, weshalb die Ergebnisse für die untersuchten Fälle gelten und nicht für eine Grundgesamtheit. Wer Anteile für eine ganze Gruppe braucht, arbeitet quantitativ mit einer Zufallsstichprobe.

Qualitative Forschung fragt wie und warum, quantitative Forschung fragt wie viele und wie stark. Der Unterschied liegt nicht in der Fallzahl, sondern in Frageform, Fallauswahl und Auswertung: offen und interpretierend gegenüber standardisiert und rechnend. Eine Studie mit acht Interviews ist qualitativ, eine Auszählung offener Felder bei 200 Fragebögen nicht.

Qualitative Daten werden ausgewertet, indem die Aufnahmen transkribiert und die Texte anschließend kodiert werden. Im deutschsprachigen Raum gehört die qualitative Inhaltsanalyse nach Philipp Mayring zu den am häufigsten angewandten Verfahren; sie unterscheidet die drei Grundformen Zusammenfassung, Explikation und Strukturierung. Am Ende werden die Kategorien zu Aussagen verdichtet und mit dem Forschungsstand verglichen.

Qualitative und quantitative Methoden lassen sich kombinieren, dieses Vorgehen heißt Mixed Methods. Üblich sind drei Grundformen: beide Teile parallel, erst qualitativ und dann quantitativ, oder erst quantitativ und danach qualitativ zur Erklärung. Der Aufwand steigt dabei deutlich, und in der Praxis werden die beiden Teile oft nebeneinander berichtet statt wirklich zusammengeführt.

Das könnte dich auch interessieren