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Qualitative Forschung: Ablauf, Methoden und Beispiel

Ein Interview ist schnell geführt. Die eigentliche Arbeit beginnt danach, beim Abtippen, beim Anonymisieren und beim Kodieren, und dafür brauchst du einen Plan.

Autorin bei empirio.ai - Maria Malzewvon Maria MalzewAktualisiert am 5. September 2026Lesezeit 14 Min.

Ein Interview ist schnell geführt. Schwierig wird es danach: beim Abtippen, beim Anonymisieren und bei der Frage, ob zwölf Gespräche für eine Bachelor-Thesis reichen. Genau darum geht es hier, mit Zahlen aus der Forschung statt mit „das kommt darauf an“.

Qualitative Forschung ist ein Vorgehen, das wenige Fälle gründlich untersucht, um zu verstehen, wie Menschen etwas erleben, deuten und begründen. Sie stellt offene Fragen statt vorgegebener Antwortmöglichkeiten, sucht ihre Fälle nach Kriterien statt per Zufall und wertet Sprache aus statt Zahlen. Am Ende dieses Beitrags kennst du die gängigen Verfahren, kannst deine Fallzahl belegen und weisst, was das Datenschutzgesetz von dir verlangt.


📌 Das Wichtigste im Überblick

  • Qualitative Forschung geht in die Tiefe, nicht in die Breite.
  • Sättigung trat bei sechzig Interviews schon nach zwölf ein (2006).
  • Die Fallauswahl folgt Kriterien, nie einer Zufallsstichprobe.
  • Leitfadeninterview und Gruppendiskussion sind die häufigsten Verfahren.
  • Das Datenschutzgesetz verlangt Anonymisierung, sobald der Zweck es zulässt.

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Was ist qualitative Forschung?

Qualitative Forschung ist der Sammelbegriff für alle empirischen Verfahren, deren Ergebnis eine Deutung ist und keine Messung: Sie erheben Text, Bild und Ton, ordnen dieses Material in seinen Zusammenhang ein und rekonstruieren daraus, welchen Sinn die untersuchten Personen ihrem Handeln geben.

Der Gegensatz zur quantitativen Forschung zeigt sich am besten an einem echten Beispiel. Das Bundesamt für Statistik befragt in der Strukturerhebung jährlich mindestens 200'000 Personen mit einheitlichem Fragebogen, online oder auf Papier (BFS, Strukturerhebung). Wer dort angeschrieben wird, muss antworten: „Wer im Rahmen der Strukturerhebung befragt wird, ist zur Auskunft verpflichtet“, hält das Volkszählungsgesetz in Art. 10 fest. Qualitative Forschung ist das genaue Gegenteil: wenige Menschen, freiwillig, offen befragt, ohne dass zwei Gespräche gleich verlaufen.

Drei Merkmale ziehen sich durch alle qualitativen Verfahren: das Verstehen statt des Messens, die Erkundung eines wenig erforschten Feldes und die Theoriebildung aus dem Material heraus. Dazu kommt ein viertes, praktisches Merkmal: Der Ablauf bleibt beweglich. Wenn im dritten Interview ein Thema auftaucht, an das vorher niemand gedacht hat, darf der Leitfaden wachsen.

Qualitative Forschung sagt dir nicht, wie viele. Sie zeigt dir, wie und warum.

Daraus ergibt sich zugleich die Grenze des Verfahrens. Weil die Fälle bewusst und nicht zufällig ausgewählt werden, gelten die Ergebnisse zunächst für diese Fälle und nicht für die ganze Schweiz. Das ist keine Schwäche, sondern die Bauart. Woher das offene, vom Material ausgehende Denken kommt, steht im Beitrag zur deduktiven und induktiven Forschung.

Qualitativ oder quantitativ: was den Unterschied ausmacht

Den Unterschied zwischen qualitativer und quantitativer Forschung macht nicht die Fallzahl, sondern die Frage, auf die du eine Antwort suchst. Eine Untersuchung mit zwölf Personen ist nicht deshalb qualitativ, weil zwölf wenig ist, sondern weil sie offene Antworten erhebt und auslegt.

Der Irrtum, qualitativ heisse einfach „wenige Fälle“, hält sich hartnäckig und kostet regelmässig Punkte. Wer 200 Fragebogen mit fünf offenen Feldern verschickt und die Antworten danach nach Häufigkeit auszählt, hat quantitativ gearbeitet, auch wenn die Fragen offen formuliert waren. Umgekehrt bleibt eine Untersuchung qualitativ, wenn sie acht Interviews gründlich kodiert.

KriteriumQualitative ForschungQuantitative Forschung
LeitfrageWie und warum?Wie viele und wie stark?
Fallauswahlnach Kriterien gesuchtmöglichst zufällig gezogen
Erhebungoffen, Leitfaden statt Skripteinheitlich, für alle gleich
MaterialText, Bild, TonZahlen und Skalenwerte
AuswertungKodieren und AuslegenRechnen und Testen
Reichweitegilt für die untersuchten Fällegilt bei sauberer Ziehung für die Grundgesamtheit

Die beiden Begriffe selbst erklären wir im Beitrag qualitativ vs. quantitativ. Wenn du Vorzüge und Nachteile beider Zugänge gegenüberstellen willst, findest du sie gesammelt bei den qualitativen und quantitativen Forschungsmethoden.

Methoden der qualitativen Datenerhebung

Die Methoden der qualitativen Datenerhebung unterscheiden sich vor allem darin, wie nah sie an die Situation herankommen, über die du etwas erfahren willst. Ein Gespräch holt die Deutung einer Person ein. Eine Beobachtung sieht das Verhalten selbst. Eine Inhaltsanalyse arbeitet mit Material, das ohne dein Zutun entstanden ist.

Die Wahl fällt deshalb nicht nach Vorliebe, sondern nach der Fragestellung. Geht es um Motive und Begründungen, führt kaum ein Weg am Gespräch vorbei. Geht es um Abläufe, die den Beteiligten selbst kaum bewusst sind, ist eine Beobachtung ehrlicher als jede Nachfrage. Und wenn dein Gegenstand ohnehin aus Texten oder Bildern besteht, brauchst du niemanden zu befragen.

VerfahrenWofür es taugtWo es an Grenzen stösst
LeitfadeninterviewMotive, Deutungen, Biografischeszeigt nur, was gesagt wird
ExpertinneninterviewFachwissen aus einem FeldTerminfindung, oft lange Vorlaufzeit
Gruppendiskussiongemeinsame Aushandlung von Meinungenlaute Stimmen überdecken leise
Qualitative BeobachtungHandeln in der echten SituationMotive bleiben unsichtbar
TagebuchstudieAlltag über einen Zeitraumhohe Abbruchquote
Qualitative Inhaltsanalysevorhandene Texte, Bilder, Medienkein Nachfragen möglich

Das Leitfadeninterview: der Normalfall in Abschlussarbeiten

Das Leitfadeninterview ist in Bachelor-Thesis und Masterarbeit das mit Abstand häufigste Verfahren, weil es mit überschaubarem Aufwand dichtes Material liefert. Du bereitest einen Leitfaden mit offenen Fragen vor, hältst dich aber nicht sklavisch daran, sondern fragst nach, wo es interessant wird. Der Leitfaden ist ein Geländer, kein Drehbuch. Wie du die Fragen formulierst, steht ausführlich bei der qualitativen Befragung.

Die qualitative Beobachtung: offen statt nach festem Raster

Die qualitative Beobachtung wird häufig mit ihrem quantitativen Gegenstück verwechselt. Sobald du vorab ein festes Zählraster anlegst und im Feld nur noch Striche machst, erhebst du Häufigkeiten und arbeitest damit quantitativ. Qualitativ bleibt die Beobachtung, solange du ausführliche Feldnotizen schreibst statt zu zählen. Ob deine Kategorien aus der Theorie stammen oder erst aus dem Material entstehen, ist davon unabhängig und eine zweite Entscheidung.

⚠️ Achtung

Wer eine Beobachtung mit fertigem Zählraster durchführt und sie im Methodenteil „qualitativ“ nennt, beschreibt das eigene Vorgehen falsch. Entscheide vor dem Feldzugang, ob die Kategorien vorher feststehen oder hinterher entstehen, und schreibe genau das in die Arbeit.

Wie viele Interviews brauchst du?

Wie viele Interviews du brauchst, lässt sich nicht aus einer Formel ableiten, aber es gibt empirische Anhaltspunkte: In der Untersuchung von Guest, Bunce und Johnson (2006) trat die Sättigung innerhalb der ersten zwölf von insgesamt sechzig Interviews ein, die Grundzüge der übergreifenden Themen zeigten sich sogar schon nach sechs.

Sättigung meint dabei den Punkt, an dem weitere Gespräche keine neuen Themen mehr hervorbringen. Guest und seine Kolleginnen haben das an ihrem eigenen Material systematisch nachgezählt, statt es nur zu behaupten, und ihre Studie wird in dieser Frage bis heute sehr häufig zitiert (Guest, Bunce und Johnson 2006: How Many Interviews Are Enough?, Field Methods 18(1), S. 59 bis 82).

Sättigung: die belegten Spannen

Ein systematischer Überblick von Hennink und Kaiser (2022) hat 23 Arbeiten zur Sättigung ausgewertet, davon 17 mit eigenen empirischen Daten. In diesen 17 war die Spanne erstaunlich eng: Sättigung trat bei 9 bis 17 Interviews oder 4 bis 8 Gruppendiskussionen ein. Die Autorinnen nennen dazu ausdrücklich eine Bedingung, und die wiegt schwerer als die Zahl selbst: Das gilt vor allem für vergleichsweise homogene Gruppen und eng gefasste Fragestellungen (Social Science & Medicine 292, Artikel 114523).

Zwei Begriffe werden dabei oft verwechselt, und der Unterschied gehört in jeden Methodenteil. Die Zahlen oben messen, ab wann keine neuen Themen mehr auftauchen. Theoretische Sättigung in der Grounded Theory meint etwas anderes: den Punkt, an dem sich keine theoretisch bedeutsamen Unterschiede mehr finden lassen. Wer beides gleichsetzt, begründet seine Fallzahl mit dem falschen Konzept.

So begründest du deine Fallzahl

Für deine Arbeit folgt daraus zweierlei. Erstens: Zehn bis fünfzehn Gespräche sind für eine eng gefasste Bachelor-Thesis oder Masterarbeit ein gut begründbarer Rahmen. Zweitens: Sobald deine Gruppe uneinheitlich ist, du mehrere Sprachregionen, Kantone oder Altersgruppen vergleichst oder nach feinen Bedeutungsunterschieden suchst, brauchst du mehr, und die Zahlen oben tragen deine Begründung nicht mehr.

💡 Tipp

Schreib die Fallzahl nie als nackte Zahl in den Methodenteil. Formuliere sie als Entscheidung mit Begründung: „Geplant waren acht Interviews, weil alle Befragten dieselbe Ausbildung durchlaufen haben. Nach dem siebten Gespräch traten keine neuen Themen mehr auf.“ Diese zwei Sätze machen die Zahl nachvollziehbar, eine nackte Zahl bleibt angreifbar.

Massgeblich bleibt am Ende das Studien- und Prüfungsreglement deiner Hochschule. Manche Institute nennen eigene Mindestzahlen, und die gehen jeder Empfehlung aus der Literatur vor.

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Fallauswahl in der qualitativen Forschung

Die Fallauswahl in der qualitativen Forschung folgt Kriterien, nicht dem Zufall. Während das Bundesamt für Statistik nach wissenschaftlichen Grundsätzen zufällig zieht, damit die Stichprobe die Bevölkerung abbildet, suchst du gezielt die Fälle, an denen sich dein Gegenstand am deutlichsten zeigt.

Die Formeln, mit denen sich eine Stichprobe in der quantitativen Forschung berechnen lässt, helfen dir hier nicht weiter. Es geht nicht um den Durchschnitt, sondern um die Spannweite. Wer Motive für den Studienabbruch untersucht, sucht bewusst den Technikstudenten im ersten Semester und die angehende Lehrerin kurz vor dem Abschluss. Erst der Kontrast zwischen beiden macht sichtbar, was die Fälle gemeinsam haben.

Zwei Wege sind gängig

  • Vorab festgelegte Auswahl: Du bestimmst die Kriterien aus deiner Theorie, bevor du ins Feld gehst.
  • Theoretisches Sampling: Du entscheidest nach jedem Fall neu, wen du als Nächstes brauchst.

Beim theoretischen Sampling steht das Sample nicht vorab fest, sondern wächst im Lauf der Untersuchung. Abgebrochen wird, wenn sich keine theoretisch bedeutsamen Unterschiede mehr finden lassen. Für eine Abschlussarbeit mit festem Abgabetermin ist der erste Weg meist der realistischere, weil du beim zweiten nicht weisst, wann du fertig bist.

Woran eine qualitative Untersuchung am Ende gemessen wird, ist eine eigene Frage: Objektivität, Reliabilität und Validität stammen aus der quantitativen Tradition und lassen sich nicht unverändert übertragen. Welche Kataloge stattdessen gelten, steht bei den Gütekriterien qualitativer und quantitativer Forschung.

Transkripte anonymisieren nach Schweizer Recht

Transkripte anonymisieren heisst in der Schweiz, alle Angaben zu entfernen, die eine bestimmte oder bestimmbare natürliche Person erkennbar machen. Genau so definiert Art. 5 Bst. a des Datenschutzgesetzes den Begriff der Personendaten, und ein Interviewtranskript besteht fast vollständig aus solchen Angaben.

Massgeblich ist das Bundesgesetz über den Datenschutz (DSG, SR 235.1) vom 25. September 2020, in Kraft seit dem 1. September 2023 (DSG, Fedlex). Die Aufsicht führt der Eidgenössische Datenschutz- und Öffentlichkeitsbeauftragte, kurz EDÖB. Für Forschung enthält Art. 31 Abs. 2 Bst. e eine eigene Bestimmung: Die Bearbeitung für nicht personenbezogene Zwecke ist zulässig, die Daten sind zu anonymisieren, sobald der Zweck es erlaubt, und die Ergebnisse dürfen nur so veröffentlicht werden, dass die betroffenen Personen nicht bestimmbar sind.

⚠️ Achtung

Das Schweizer Datenschutzgesetz kennt den Begriff „Pseudonymisierung“ nicht, anders als das europäische Recht. Wer in seiner Methodik schreibt, die Daten seien „nach Gesetz pseudonymisiert“ worden, beruft sich auf eine Norm, die es hier nicht gibt. Schreibe stattdessen, was du konkret getan hast: Namen ersetzt, Orte vergröbert, Berufsbezeichnungen verallgemeinert.

FORS, das Schweizer Kompetenzzentrum Sozialwissenschaften in Lausanne, gibt dazu einen praktischen Leitsatz aus, der viele Arbeiten vor einem Versprechen bewahrt, das sie nicht halten können: „Never promise full anonymisation.“ Ebenso wichtig ist die zweite Warnung aus demselben Leitfaden, Anonymisierung und Pseudonymisierung nicht zu verwechseln, weil die Folgen sehr verschieden sind (FORS Guide Nr. 20, 2023).

Praktisch heisst das für eine Abschlussarbeit: Ein Dorf mit 800 Einwohnenden ist kein anonymer Ort, eine seltene Berufsbezeichnung ist kein anonymes Merkmal, und ein Zitat mit drei Detailangaben führt oft zurück zur Person. Kläre vor der ersten Aufnahme, was du zusagst, und halte die Zusage schriftlich fest.

Ablauf einer qualitativen Studie

Der Ablauf einer qualitativen Studie führt in sechs Schritten von der Frage zum Ergebnis, und anders als bei einer Fragebogenerhebung darfst du dabei zurückspringen. Wer im vierten Schritt merkt, dass der Leitfaden am Thema vorbeigeht, überarbeitet ihn und führt die nächsten Gespräche anders.

Die Beweglichkeit des qualitativen Vorgehens ist trotzdem kein Freibrief. Jede Änderung gehört festgehalten, sonst lässt sich die Untersuchung hinterher nicht nachvollziehen. Was im Methodenteil steht, muss dem entsprechen, was tatsächlich passiert ist.

  1. Fragestellung schärfen. Aus „Wie erleben Studierende ihr Pendeln?“ wird „Wie begründen Studierende im Berner Umland, dass sie täglich pendeln statt umzuziehen?“ Erst diese Zuspitzung macht die Fallauswahl entscheidbar. Mehr dazu bei den Kriterien für gute Forschungsfragen und Hypothesen.
  2. Verfahren wählen und begründen. Die Entscheidung für Gespräch, Beobachtung oder Inhaltsanalyse folgt aus der Frage. Halte die Begründung in einem Absatz fest, sie gehört später wörtlich in den Methodenteil.
  3. Fälle auswählen und Feldzugang klären. Wen brauchst du, wie viele, und über welchen Weg erreichst du diese Menschen? Der Feldzugang verzögert in der Praxis am häufigsten.
  4. Erheben und aufzeichnen. Aufnahmegerät testen, Einwilligung schriftlich einholen, ruhigen Raum organisieren. Eine unbrauchbare Aufnahme kostet dich das Gespräch.
  5. Transkribieren, anonymisieren und kodieren. Aus Ton wird Text, aus Text werden Kategorien. Rechne den Zeitbedarf grosszügig, das Abtippen dauert ein Vielfaches der Gesprächsdauer.
  6. Auswerten und einordnen. Die Kategorien werden zu Aussagen, die Aussagen werden mit der Literatur ins Verhältnis gesetzt. Erst hier entsteht das Ergebnis.

Für die Auswertung ist die qualitative Inhaltsanalyse nach Philipp Mayring eines der im deutschsprachigen Raum am häufigsten angewandten Verfahren. Sie unterscheidet die drei Grundformen Zusammenfassung, Explikation und Strukturierung (Mayring: Qualitative Inhaltsanalyse. Grundlagen und Techniken, 13. Auflage, Beltz 2022). Wie sich die Erhebung in den gesamten Forschungsablauf einfügt, zeigt der Beitrag zur Datenerhebung.

Wann qualitative Forschung die falsche Wahl ist

Qualitative Forschung ist die falsche Wahl, sobald deine Frage nach einer Menge, einem Anteil oder einem geprüften Zusammenhang verlangt. Zwölf Interviews sagen dir, welche Begründungen es gibt, aber nicht, wie verbreitet sie sind. Aus dieser Verwechslung entsteht ein Ergebnisteil, den jede Zweitkorrektur angreifen kann.

In diesen sechs Fällen brauchst du ein anderes Design:

  • Deine Frage beginnt mit „wie viele“, „wie oft“ oder „wie stark“.
  • Du willst eine Aussage über eine ganze Gruppe treffen, nicht über deine Fälle.
  • Du willst zwei Zeitpunkte oder zwei Gruppen statistisch vergleichen.
  • Deine Betreuung verlangt ausdrücklich einen Signifikanztest.
  • Du hast keinen Zugang zu Menschen, die ausführlich mit dir sprechen.
  • Dir bleiben bis zur Abgabe weniger als acht Wochen für Erhebung und Auswertung.

Am häufigsten unterschätzt wird der Zeitbedarf. Zwischen dem ersten Terminvorschlag und der fertigen Kodierung liegen bei zwölf Gesprächen mehrere Wochen reine Arbeitszeit, und der grösste Teil davon entfällt auf das Abtippen und Anonymisieren.

Der Irrtum mit Ursache und Wirkung

Häufig liest man, qualitative Forschung decke Ursache und Wirkung auf. Das stimmt nur in einem sehr engen Sinn. Aus einem Gespräch erfährst du, welchen Zusammenhang eine Person selbst zwischen zwei Dingen herstellt, und das ist ein wertvoller Befund. Ob dieser Zusammenhang über den Einzelfall hinaus trägt, ist damit nicht geprüft. Für eine geprüfte Wirkungsaussage brauchst du ein hypothesenprüfendes Design und eine hinreichend grosse, zufällig gezogene Stichprobe.

Mixed Methods: beide Wege zusammen

Qualitative und quantitative Teile lassen sich kombinieren, dieses Vorgehen heisst Mixed Methods und ist als Forschungsdesign anerkannt. Die entscheidende Frage lautet dabei, welche Frage sich mit nur einem Zugang nicht beantworten lässt. Eine ehrliche Warnung gehört dazu: Zwei Erhebungen bedeuten doppelten Aufwand, und beide müssen für sich sauber sein.

Beispiel für eine qualitative Forschung

Ein Beispiel für eine qualitative Forschung macht die Schritte greifbarer als jede Definition. Nehmen wir an, du schreibst deine Bachelor-Thesis über das Pendeln und willst wissen, warum Studierende täglich lange Wege auf sich nehmen, statt in die Hochschulstadt zu ziehen.

Das Beispiel ist erfunden, das Vorgehen nicht: Genau so läuft eine Interviewstudie in einer Abschlussarbeit ab, von der ersten Zuspitzung der Frage bis zu dem Satz, der am Ende in den Limitationen steht.

Die Fragestellung

„Wie begründen Studierende im Berner Umland, dass sie täglich pendeln statt umzuziehen?“ Die Frage ist eng genug für eine Bachelor-Thesis und offen genug für Erzählungen. Eine Hypothese brauchst du hier nicht, weil du nicht prüfst, sondern erkundest.

Die Methodenwahl

Du entscheidest dich für das Leitfadeninterview, weil du Begründungen und Abwägungen brauchst und beides nur im Gespräch entsteht. Eine Beobachtung fällt aus, denn im Zug lässt sich das Motiv nicht ablesen. Eine Tagebuchstudie käme in Frage, verlangt aber wochenlange Mitarbeit und liefert Wege statt Begründungen.

Die Fallzahl

Du planst zwölf Gespräche. Die Begründung: Die Gruppe ist in Alter und Lebenssituation einheitlich, die Fragestellung ist eng gefasst, und für genau diese Konstellation nennt der Überblick von Hennink und Kaiser (2022) eine Spanne von 9 bis 17 Interviews. Nach dem elften Gespräch tauchen keine neuen Begründungsmuster mehr auf, und das zwölfte bestätigt den Befund.

Die Auswertung

Du transkribierst alle Gespräche, anonymisierst Namen und Wohnorte, liest zweimal und vergibst Kategorien nah am Text: Wohnkosten, Familie am Ort, Freundeskreis, Gewohnheit, Zeit im Zug als Lernzeit. Danach fasst du zusammen, welche Kategorien zusammenhängen, und ordnest das Ergebnis in den Forschungsstand ein.

Was am Ende dasteht, und was nicht

Dein Ergebnis lautet: Es gibt fünf wiederkehrende Begründungsmuster für das Pendeln, und drei davon haben mit sozialer Bindung zu tun, nicht mit Geld. Was du nicht sagen kannst: wie viel Prozent der Studierenden im Kanton Bern pendeln. Genau dieser Satz gehört in deine Limitationen, und er macht die Arbeit stärker, nicht schwächer.

Fazit

Qualitative Forschung lohnt sich immer dann, wenn du verstehen willst, wie Menschen etwas erleben und begründen. Entscheide dich früh und schreibe die Begründung auf, denn Betreuende bewerten die nachvollziehbare Entscheidung höher als die vermeintlich anspruchsvollere Methode. Eine kleine, sauber begründete Interviewstudie schlägt eine grosse Befragung ohne Konzept.

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Häufig gestellte Fragen

Qualitative Forschung untersucht wenige Fälle gründlich, um zu verstehen, wie Menschen etwas erleben und begründen. Statt Zahlen erhebt sie Text, Bild und Ton, meist über offene Gespräche, Gruppendiskussionen oder Beobachtungen. Ausgewertet wird durch Kodieren und Auslegen. Das Ergebnis ist kein Prozentwert, sondern eine Beschreibung von Mustern und Deutungen.

Guest, Bunce und Johnson (2006) fanden Sättigung innerhalb der ersten zwölf von sechzig Interviews. Der systematische Überblick von Hennink und Kaiser (2022) nennt für einheitliche Gruppen und eng gefasste Fragestellungen 9 bis 17 Interviews oder 4 bis 8 Gruppendiskussionen. Bei uneinheitlichen Gruppen liegt der Bedarf höher. Das Studien- und Prüfungsreglement deiner Hochschule geht vor.

Zur qualitativen Forschung gehören vor allem Leitfaden- und Expertinneninterview, Gruppendiskussion, qualitative Beobachtung, Tagebuchstudie sowie die qualitative Inhalts- und Dokumentenanalyse. Welches Verfahren passt, entscheidet die Fragestellung und nicht die Vorliebe: Motive erschliesst das Gespräch, unbewusste Abläufe die Beobachtung, vorhandenes Material die Inhaltsanalyse. In Abschlussarbeiten ist das Leitfadeninterview der Normalfall.

Das Datenschutzgesetz (DSG, SR 235.1) verlangt in Art. 31 Abs. 2 Bst. e, Forschungsdaten zu anonymisieren, sobald der Zweck es erlaubt, und Ergebnisse nur so zu veröffentlichen, dass die betroffenen Personen nicht bestimmbar sind. Praktisch heisst das: Namen ersetzen, Orte vergröbern, seltene Berufsbezeichnungen verallgemeinern. Aufsicht führt der EDÖB.

Qualitative Forschung ist im statistischen Sinn nicht repräsentativ, und das ist beabsichtigt. Die Fälle werden nach Kriterien gesucht, nicht zufällig gezogen, weshalb die Ergebnisse für die untersuchten Fälle gelten und nicht für eine Grundgesamtheit. Wer Anteile für die ganze Schweiz braucht, arbeitet quantitativ, wie das Bundesamt für Statistik in der Strukturerhebung.

Qualitative Daten werden ausgewertet, indem die Aufnahmen transkribiert, anonymisiert und die Texte danach kodiert werden. Im deutschsprachigen Raum ist die qualitative Inhaltsanalyse nach Philipp Mayring am weitesten verbreitet; sie unterscheidet die drei Grundformen Zusammenfassung, Explikation und Strukturierung. Am Ende werden die Kategorien zu Aussagen verdichtet und mit dem Forschungsstand verglichen.

FORS, das Schweizer Kompetenzzentrum Sozialwissenschaften, rät davon ausdrücklich ab: „Never promise full anonymisation.“ Ein Transkript enthält oft Detailangaben, die zusammengenommen zurück zur Person führen, etwa ein kleiner Wohnort und eine seltene Berufsbezeichnung. Sag stattdessen konkret zu, was du entfernst, und halte diese Zusage schriftlich fest.

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