Solltest du ein einzelnes Experteninterview, eine standardisierte Online-Umfrage, eine Gruppendiskussion oder womöglich sogar ein Experiment durchführen? Die Frage nach der passenden Forschungsmethode für eine Projektarbeit ist dir bestimmt schon mal im Studium begegnet. Die Unterscheidung von quantitativen und qualitativen Forschungsmethoden hat in der Wissenschaft eine lange Tradition und ist für jede empirische Forschung bedeutend.
In Natur- und Wirtschaftswissenschaften werden quantitative Methoden häufig bevorzugt, weil sie den Ruf haben, genauere Ergebnisse bei einfacher Durchführbarkeit abzuliefern. In gewissem Maße ist diese Annahme auch korrekt, gleichzeitig ist eine solche Differenzierung zu oberflächlich gedacht.
Quantitative und qualitative Forschungsansätze haben nämlich grundlegend verschiedene Zielsetzungen. Sie basieren nicht nur auf unterschiedlichen Arten von Fragestellungen und Denkweisen, sondern streben komplett entgegengesetzte Ergebnisse an.
In diesem Beitrag schauen wir uns an, was die qualitative Forschung ist und für welche Themenbereiche sie sich am besten eignet. Am konkreten Beispiel einer qualitativen Umfrage zeigen wir dir außerdem, wie du diese Forschungsmethode in deiner Bachelor- oder Masterarbeit umsetzen kannst.
Literaturtipp:
Wichmann, Angela (2019). Quantitative und Qualitative Forschung im Vergleich: Denkweisen, Zielsetzungen und Arbeitsprozesse. Springer: Wiesbaden.
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Jetzt kostenlos startenWas ist die ‘qualitative Forschung’ überhaupt?
“Qualitative Verfahren beschreiben ein komplexes Phänomen in seiner ganzen Breite.” (Brosius et al. 2009: 20)
In der qualitativen Forschung ist man nicht an exakten Prozentzahlen oder Aussagen über eine große Bevölkerungsgruppe interessiert (wie etwa in der quantitativen Forschung), sondern vielmehr an komplexen, subjektiven und detaillierten Begründungen zu einem spezifischen Forschungsgegenstand. Die persönliche Wahrnehmung der Testpersonen wird dabei in den Mittelpunkt der Untersuchung gerückt.
Folgende Fragestellungen lassen sich beispielsweise gut mit einer qualitativen Methode untersuchen:
- Warum spielen Menschen “World of Warcraft”? Wie beeinflusst es ihren Alltag, wenn die Spieler mehr als 20 Stunden pro Woche in diesem Online-Rollenspiel verbringen?
- Welchen Einfluss hat Instagram auf die Bildästhetik der Gegenwart? Gibt es einen Zusammenhang zwischen der bevorzugten Instagram-Ästhetik und der nationalen Zugehörigkeit der App-Nutzer?
In der Praxis werden qualitative Methoden häufig dann angewendet, wenn der untersuchte Gegenstandsbereich bislang relativ wenig erforscht ist. Mithilfe von z.B. Leitfadeninterviews (= qualitative Befragung) oder Inhaltsanalysen wird dann eine Grundlage für weitere (u.a. quantitative) Forschungen gebildet, wie zum Beispiel in diesen aktuellen Studien zur relativ jungen Social-Media-Plattform TikTok:
- Avdeeff, Melissa K. (2021). “TikTok, Twitter, and Platform-Specific Technocultural Discourse in Response to Taylor Swift’s LGBTQ+ Allyship in ‘You Need to Calm Down.’” Contemporary Music Review. Online First. S. 1-21.
- Abidin, Crystal (2021). “Mapping Internet celebrity on TikTok: Exploring attention economies and visibility labours.” Cultural Science Journal. Vol.12(1). S. 77-103.
Eine qualitative Forschungsmethode erfasst stets die Perspektive der untersuchten Personen, wobei diese in einen thematischen oder gesellschaftlichen Kontext eingebettet wird:
- Möchtest du individuelle Gründe und Motivationen für ein bestimmtes soziales Verhalten der Testpersonen aufdecken, ist eine qualitative Forschung eine gute Wahl:
Beispiel: Qualitative Befragung (= Interview) von 20 Wahlberechtigten, um zu ergründen, warum einzelne Personen eine spezifische Partei gewählt haben.
Nicht geeignet ist die qualitative Forschung umgekehrt dann, wenn du systematische empirische Befunde mit einer Vielzahl von objektiven Daten belegen möchtest, um die Ergebnisse im Anschluss auf eine möglichst große Population zu übertragen.
- Willst du bei der o.g. Wahlumfrage (z.B. mit insgesamt 2000 Personen) breit gefächert wissen, wie die meisten Wahlberechtigten gewählt haben (oder wählen werden im Fall einer Wahlprognose), wäre die quantitative Forschung die bessere Alternative.
Beide Methoden können sich aber auch ergänzen: Bei dem o.g. Wahlbeispiel sind zwar die Prozentzahlen direkt nach der Wahl für die Öffentlichkeit interessanter (= quantitative Umfrage), später sind aber konkrete Ursachen für die Wahlentscheidung (= qualitative Umfrage) mindestens genauso relevant.
➔ Für eine studentische Arbeit spielen die vorgegebene Zeit sowie dein Budget eine wichtige Rolle, daher werden solche “mixed methods” für deine Forschung eher ungeeignet sein.
Literaturtipp und das Wahlumfrage-Beispiel aus:
Brosius, Hans-Bernd et al (2009). Methoden der empirischen Kommunikationsforschung. Eine Einführung. 5 Auflage. VS Verlag für Sozialwissenschaften: Wiesbaden.
➔ siehe vor allem das Kap.1, S.17 - 46: “Was sind Methoden, was ist Empirie?”
Methoden der qualitativen Datenerhebung
"Während die Ergebnisse quantitativer Untersuchungen repräsentativ, wiederholbar und vergleichbar sein sollen, sind die Ergebnisse qualitativer Studien kontext- und situationsbezogen, spezifisch und ausgerichtet auf das Sinnverstehen.”
(Wichmann 2019: 42)
Qualitative Datenerhebung und ihre Analyse wird im Gegensatz zu quantitativen Forschungsmethoden viel stärker in einen spezifischen situationsbezogenen und gesellschaftlichen Kontext eingeordnet (u.a. mithilfe der zugehörigen Literaturquellen). Ebenfalls spielt in der qualitativen Forschung die Beschreibung eines Sachverhalts eine wichtige Rolle – die daraus resultierenden Erkenntnisse weisen daher einen hohen Interpretationsspielraum auf.
Ein Vorteil ist dabei, dass qualitative Forschungsprojekte dadurch in der Lage sind, nicht nur relevante Aspekte der durchgeführten Forschung zu klassifizieren, sondern diese auch zu erklären und die s.g. ‘Ursache-Wirkungs-Zusammenhänge’ zu bestimmen.
Dabei gibt es folgende Methoden der qualitativen Forschung:
- Leitfaden- und Experteninterview (= qualitative Befragung), bei dem ausgewählte Testpersonen, die über das untersuchte Thema sprechen können (z.B. Zugehörige einer bestimmten Berufsgruppe) oder Wissensträger bzw. Experten in einem spezifischen Feld (z.B. Medienberater in der Politik) persönlich, online oder telefonisch zu ihrem Alltag oder ihrem Wissen befragt werden.
➔ Offene Fragen zum gewählten Forschungsthema erlauben es, ein breites Spektrum an Perspektiven und Meinungen zu erfassen. Die Gesprächsführung ist dabei - im Gegensatz zu einer quantitativen Befragung - nicht starr an die Vorgabe bestimmter Fragen gebunden. Dabei haben die Befragten einen höheren Antwortspielraum sowie grundsätzlich mehr Einfluss auf den Inhalt des Interviews. Sie können eigenständig Themen vertiefen, ergänzende Aspekte hervorheben und intensiv ihre Meinung dazu äußern. Darüber hinaus erlaubt das spontane Nachfragen des Forschenden, das untersuchte Thema noch stärker zu vertiefen.
- Gruppendiskussion, um Erfahrungen und Meinungen von Menschen mit hohem Themeninteresse (z.B. Gamer) zu einem spezifischen Gegenstand (z.b. zum Rollenspiel “World of Warcraft ”) festzuhalten. Ein Moderator bzw. eine unbeteiligte Bezugsperson leitet die Diskussion im Sinne der Forschung.
- Qualitative Beobachtung, um das Handeln oder Verhalten von Menschen in bestimmten Situationen (z.B. beim Warten auf die Bahn) zu erfassen und nach zuvor definierten Kategorien aufzuzeichnen. Der Forschende wird bei diesem Verfahren häufig selbst zum Beteiligten in der beobachteten Situation (z.B. als einer der Wartenden auf dem Bahnsteig). Persönliche Motive oder Einstellungen von Personen kann man durch Beobachtungen allerdings nicht ermitteln.
- Tagebuch-Befragung, bei der ausgewählte Teilnehmer der Studie spezifische Tätigkeiten aus ihrem Alltag für den Forschenden protokollieren (z.B. zu ihrer Nutzung von Social-Media-Plattformen).
- Qualitative Inhaltsanalyse und Dokumentenanalyse, um spezifische Inhalte (z.B. Zeitungsartikel oder bestimmte Tagesschau-Sendungen) zum untersuchten Thema (z.B. Berichterstattung über die Bundestagswahl) abzubilden. Mithilfe von theoretischen Kriterien und Einheiten wird zuerst festgelegt, wonach in den Dokumenten gesucht werden soll. Für die Analyse wird dann ein Kodierschema entwickelt, in das die Inhalte einsortiert werden müssen. Inhaltsanalytisch lassen sich vor allem Objekte oder Medien im weitesten Sinne (z.B. Bücher, Zeitschriften, Filme, Computerspiele, Musik etc.) erschließen. Für die historische Forschung ist diese Methode unabdingbar.
- Fallstudie (= case study), um eine Situation, ein Ereignis oder auch einen Einzelfall aus einem festgelegten Blickwinkel betrachten zu können. Dabei bilden die Forschenden zunächst das untersuchte Ereignis (z.B. die Terroranschläge auf das World Trade Center) in seiner ganzen Komplexität ab. Danach wird das untersuchte Phänomen mithilfe von weiteren wissenschaftlichen Methoden (z.B. durch Zeugen-Interviews) in einen gesellschaftlichen oder theoretischen Kontext gesetzt. In der Praxis werden Fallstudien unter anderem auch im Bereich des Marketing (z.B. zum Kaufverhalten von Verbrauchern an einem Black Friday) und im Personalwesen (z.B. bei Bewerbungsverfahren in Assessment Centern) eingesetzt.
➔ Beachte bei der Entscheidung für ein bestimmtes Untersuchungsdesign, dass jede Methode ihre Stärken und Schwächen hat und deine Wahl deshalb vordergründig von deinem Erkenntnisinteresse und deiner Forschungsfrage beeinflusst werden sollte.
Beispiel: Beschäftigst du dich mit spezifischen Handlungsabläufen im Alltag (z.B. mit der Nutzung von Social Media), wäre es sinnvoll, die Teilnehmenden ein Tagebuch führen zu lassen (z.B. zu folgenden Fragen: Welche Social Media haben Sie benutzt? Welche Inhalte haben Sie dabei konsumiert? Haben Sie dabei mit jemanden kommuniziert?), damit das Ergebnis weniger vom Gedächtnis abhängig ist. Eine weitere geeignete Methode wäre hier ein Leitfadeninterview, bei dem die o.g. Fragen stattdessen persönlich vom Forschenden gestellt werden.
Weil es in dieser Forschung unmittelbar um menschliches Verhalten geht, ist die qualitative Inhaltsanalyse dagegen thematisch weniger geeignet. Für eine Gruppendiskussion ist dein Forschungsgegenstand ebenfalls nicht spezifisch genug, da du an mehreren Aspekten der Social-Media-Nutzung interessiert bist. Aufgrund der Abwesenheit eines spezifischen Phänomens würde das Konzept einer Fallstudie ebenso nicht die gewünschten Ergebnisse liefern können.
Literaturtipp:
Meyen, Michael et al. (2011). Qualitative Forschung in der Kommunikationswissenschaft. Eine praxisorientierte Einführung. VS Verlag für Sozialwissenschaften: Wiesbaden.
➔ siehe vor allem Kap. 3, S.53-81: “Forschungsprozess: Vom Alltag ins Feld”
Vor- und Nachteile von qualitativer Forschung: Darauf kommt es wirklich an!
Die Methodenvielfalt in der empirischen Forschung macht es Studierenden nicht immer einfach, sich für eine spezifische Methode zu entscheiden. Qualitative Forschung ist vergleichsweise flexibel und ermöglicht dir einen hohen Interpretationsspielraum bei der Auswertung. Dennoch hat auch sie hat einige Nachteile, mit denen du rechnen musst.
Vor- und Nachteile von qualitativer Forschung:
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Jetzt kostenlos startenUnser Beispiel: Leitfadeninterview durchführen
Nehmen wir an, du möchtest dich in deiner Abschlussarbeit mit dem Zusammenhang zwischen regelmäßigem Konsum von audiovisuellen Nachrichten und dem mentalen Zustand ihrer Konsumenten beschäftigen:
Deine Forschungsfrage: Welchen Einfluss übt ein hoher Nachrichtenkonsum auf die mentale Gesundheit der Nutzer aus? Welche Bedeutung spielen Nachrichten im Alltag der Menschen?
Deine Hypothese: Je häufiger Fernsehnachrichten konsumiert werden, desto negativer ist die generelle Befindlichkeit der Rezipienten.
Du entscheidest dich für ein Leitfadeninterview:
- Diese Methode eignet sich am besten für dich, weil du vor allem eigene Bewertungen der mentalen Gesundheit sowie Einschätzungen zum Fernsehkonsum der Testpersonen sammeln möchtest. Daher kannst du eine quantitative Befragung ausschließen.
- Bei dem persönlichen Interview von 15 Personen möchtest du folgende Themen besprechen: Ihre Lebenssituation und die eigene Einschätzung zur mentalen Gesundheit, die Mediennutzung im Alltag, ihr Nachrichtenkonsum und die persönliche Bewertung der aktuellen Nachrichtenangebote. Du fragst außerdem nach Motiven und Gründen, warum die befragte Person sich eine bestimmte Nachrichtensendung anschaut. Aus dem Gesprächsverlauf ergeben sich häufig neue Zusammenhänge, aus denen du wichtige Erkenntnisse für deine Forschung ableiten kannst. Zusätzlich kannst du spontan einen thematischen Aspekt mit deinem Gesprächspartner vertiefen – bei einer quantitativen Umfrage wäre dies nicht möglich.
Das Leitfadeninterview in die Abschlussarbeit integrieren: Unsere Tipps
Beim Verfassen deiner Abschlussarbeit wirst du dich vermutlich relativ früh für eine Forschungsmethode entscheiden müssen. Daher ist es sinnvoll, die gewählte Methode bei der Verschriftlichung ebenfalls zu Beginn des Forschungsdesigns festzulegen:
- Einleitung: Forschungsfrage formulieren
- Theorie: Stand der Forschung
- Forschungsdesign
- Bildung der Hypothesen
- Wahl der Forschungsmethode, z.B. Leitfadeninterview
- Grundgesamtheit und Stichprobe festlegen
- Definition und Festlegung der untersuchten Variablen und Merkmale
- Fragenkatalog
- Datenerhebung
- Datenauswertung
- Ergebnisse und Erkenntnisse
- Reflektion der eigenen Vorgehensweise
- Fazit
Weiterführende Literatur:
Brosius, Hans-Bernd et al. (2009). Methoden der empirischen Kommunikationsforschung. Eine Einführung. 5 Auflage. VS Verlag für Sozialwissenschaften: Wiesbaden.
Meyen, Michael et al. (2011). Qualitative Forschung in der Kommunikationswissenschaft. Eine praxisorientierte Einführung. VS Verlag für Sozialwissenschaften: Wiesbaden.
Schumann, Siegfried (2018). Quantitative und qualitative empirische Forschung. Ein Diskussionsbeitrag. Springer: Wiesbaden.
Wichmann, Angela (2019). Quantitative und Qualitative Forschung im Vergleich: Denkweisen, Zielsetzungen und Arbeitsprozesse. Springer: Wiesbaden.
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