In der Soziologie, Psychologie, Anthropologie, Politik- oder Wirtschaftswissenschaft wird der empirischen Sozialforschung eine zentrale Bedeutung eingeräumt – und das nicht unbegründet! Unbemerkt gestalten die Ergebnisse empirischer Sozialforschung nämlich unseren gesamten Alltag: Sie prägen die Inhalte in der Presse und auf Social-Media-Plattformen, bestimmen die Platzierung der Werbung im Fernsehen und beeinflussen politische Strategien bei der Wahl.
Studierst du eins der oben genannten Fächern, musst du dich mit wissenschaftlichen Strategien und Methoden zur Erforschung sozialer Wirklichkeit befassen. Sich mit den Grundlagen empirischer Datenbeschaffung und ihrer Auswertung zu beschäftigen, muss aber keinesfalls schwierig oder unnötig sein, sondern wird dir auch in der späteren beruflichen Praxis mit Sicherheit häufiger begegnen.
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Jetzt kostenlos startenWas versteht man unter ‘empirischer Sozialforschung’?
“AIle Sozialwissenschaften verstehen sich als empirische Disziplinen; sie verfahren bei der Gewinnung ihrer Aussagen im wesentlichen nach der gleichen Forschungslogik und bedienen sich der Instrumente aus dem gleichen Werkzeugkasten.” (Helmut Kromrey 2002: 10)
Die empirische Sozialforschung ist eine Unterkategorie der empirischen Forschung und wird – daher auch ihre Bezeichnung – in den Sozialwissenschaften (z.B. in der Soziologie, Psychologie, Pädagogik usw.) angewandt. Das Ziel ist dabei, systematische Informationen über das menschliche Handeln zu erheben, um daraus gesellschaftliche, demographische, politische sowie sozioökonomische Zusammenhänge abzuleiten.
"Empirische Forschung" als Begriff stammt vom altgriechischen “empeiria” ab, was in etwa “Erfahrungswissen” oder “auf Erfahrung beruhend” bedeutet. Dementsprechend werden bei der empirischen Forschung mit einem systematischen und standardisierten Prozess solche Erkenntnisse über ein Untersuchungsobjekt gewonnen, die durch unsere äußeren Sinne erfahrbar sind.
Generell verfügt jede Wissenschaftsdisziplin über einen für sie spezifischen Gegenstandsbereich, sie verfolgt ihre eigene Erkenntnisziele und setzt dafür eine Reihe von geeigneten Forschungsmethoden ein. Empirische Fachbereiche, zu denen verschiedene Natur-, Wirtschafts- und Sozialwissenschaften gehören, haben gemeinsam das Ziel, komplexe gesellschaftliche Phänomene, wirtschaftliche Zusammenhänge und individuelles Verhalten zu beschreiben. Alle diese Wissenschaften arbeiten mit ähnlichen Methoden und unterscheiden sich hauptsächlich in ihrer inhaltlichen Ausrichtung.
In jeder gesellschaftlich relevanten Auseinandersetzung spielt die empirische Sozialforschung eine wichtige Rolle. Ähnlich wie bei den anderen empirischen Disziplinen geht es in der Sozialforschung ebenfalls darum, theoretische Überlegungen anhand von gesammelten Daten in der Wirklichkeit zu überprüfen.
Häufig wird bei der empirischen Sozialforschung die Differenzierung zwischen einer theoretischen Grundlagenforschung und der anwendungsorientierten Forschung getroffen. Grundsätzlich gehen beide Projekttypen von der gleichen Methodologie aus, unterscheiden sich jedoch in ihrer Zielsetzung sowie der praktischen Durchführbarkeit:
Die Grundlagenforschung (auch als ‘basic research’ oder ‘academic research’ bekannt) strebt mithilfe von möglichst allgemeingültigen Daten die übergreifende Beschreibung und Erklärung sozialer Sachverhalte an. Statt auf einen spezifischen Einzelfall einzugehen, werden generelle Tendenzen untersucht, um im Idealfall eine vorhandene wissenschaftliche Lücke zu schließen.
- Eine solche Untersuchung wird so angelegt, dass präzise Aussagen unter kontrollierten Bedingungen (z.B. im Labor) erzielt werden können. Der Nachweis über die Einhaltung des höchstmöglichen wissenschaftlichen Standards sowie der kritische Diskurs mit Fachkollegen ist ein integraler Bestandteil dieser Forschungsart.
Beispiel: Lampert, Claudia (2007). Gesundheitsförderung im Unterhaltungsformat. Wie Jugendliche gesundheitsbezogene Botschaften in fiktionalen Fernsehangeboten wahrnehmen und bewerten. Baden Baden: Nomos Verlag.
➔ Wenn du die Grundlagenforschung für eine Abschlussarbeit in Betracht ziehst, musst du dir im Vorweg gut überlegen, ob du für die notwendigen Bedingungen sorgen kannst (z.B. für ein Experiment im Labor), denn hier kommt es auf die Präzision der Forschung an. Für die meisten Abschlussarbeiten wäre die Grundlagenforschung zu umfassend und daher weniger geeignet.
Die anwendungsorientierte Forschung oder Praxisforschung (in älteren Aufsätzen auch als ‘Handlungsforschung’ bekannt) setzt dagegen auf problemorientierte Erkenntnisse, die auf einen aktuellen Fall bezogen werden können (z.B. bei der Marktforschung oder als Verhaltensforschung in der sozialen Jugendarbeit). Statt der wissenschaftlichen Präzision und Allgemeingültigkeit steht hier die Praxisrelevanz im Vordergrund.
- Die erzielten Ergebnisse müssen häufig unmittelbar auf das zu lösende Problem angewandt werden können (z.B. kommt es bei den Ergebnissen einer Wahlumfrage darauf an, dass sie rechtzeitig vor der Wahl zustande kommen und nicht erst danach). Im Gegensatz zur Grundlagenforschung arbeiten Wissenschaftler und zuständige Fachkräfte (wie z.B. politische Berater oder Mitarbeiter im Jugendamt) eng zusammen.
Beispiel: Mack, Alexander/Alexander Wohnig (2019). “Und es hat alles geklappt auf einmal irgendwie: Erste Ergebnisse aus dem Modellprojekt ‘Politische Partizipation’“. Gesellschaft im Wandel – Neue Aufgaben für die politische Bildung und ihre Didaktik. Hrsg. Kerstin Pohl/Mathias Lotz. Frankfurt am Main: Wochenschau Verlag. S. 205-213.
➔ Der anwendungsorientierte Ansatz ist für eine Abschlussarbeit sehr gut geeignet, da dieser etwas einfacher zu realisieren ist. Außerdem kannst du praxisnah in einem solchen Bereich forschen, der sogar für deine berufliche Zukunft relevant sein könnte.
Literaturtipp:
Kromrey, Helmut (2002). Empirische Sozialforschung: Modelle und Methoden der standardisierten Datenerhebung und Datenauswertung. 10. Auflage. Opladen: Leske + Budrich.
➔ Dieser umfassende Band von Prof. Dr. Kromrey setzt nicht nur keine Fachkenntnisse voraus, sondern ist äußerst verständlich geschrieben. Daher eignet sich diese Abhandlung besonders gut als Nachschlagewerk für Studierende der Sozialwissenschaften – und zwar ganz unabhängig davon, ob du am Anfang deines Studium stehst oder bereits deine Abschlussarbeit schreibst.
Forschungsprozess leicht gemacht: So läuft deine empirische Sozialstudie ab!
Die konkrete Konzeption deiner Forschung hängt immer davon ab, welche Problemstellung du in deiner empirischen Abschlussarbeit untersuchen möchtest und mit welchen Mitteln deine Frage am besten eingegrenzt werden kann.
Nichtsdestotrotz wirst du bei der Durchführung einer empirischen Sozialforschung gewöhnlich diese sieben Arbeitsschritte (basierend auf Raithel 2008: 27-32) vornehmen, wobei die Gewichtung einzelner Abschnitte je nach Thema verschieden ausfallen wird:
- Untersuchungsziel, Problemformulierung, Forschungsfrage: Welche konkrete Fragestellung (= Forschungsfrage) soll überhaupt untersucht werden und welche Voraussetzungen (Zeitplan, bestehende Vorgaben etc.) liegen der Arbeit vor?
- Theorie- und Hypothesenbildung: Wie kannst du deine Fragestellung als eine logische wissenschaftlich prüfbare Aussage (= Hypothese) formulieren?
- Konzeptualisierungsphase: Wie willst du bei deiner Untersuchung konkret vorgehen? Mit welcher empirischen Methode sollen die Daten erhoben werden? Welche Variablen sind für die Fragestellung relevant? Wie viele und welche Personen (= Stichprobe) willst du bei deiner Untersuchung berücksichtigen?
- Erhebungsvorbereitung und Datenerhebung: Worauf musst du achten, um eine reibungslose Durchführung der Untersuchung sicherzustellen (Terminplanung, Interviewschulung, Einwilligung der Untersuchungspersonen einholen)?
- Datenaufbereitung: Wie willst du die erhobenen Daten festhalten? Soll deine Datensammlung auf eine spezifische Art und Weise vor der Auswertung strukturiert werden? Benötigst du ein spezielles Auswertungsprogramm (z.B. SPSS)?
- Datenanalyse: Mit welchem Verfahren willst du deine Daten analysieren? Musst du Hypothesen- und Signifikanztests durchführen?
- Interpretation und Dissemination (= Verschriftlichung): Wie lassen sich deine Ergebnisse interpretieren und verschriftlichen? Können sie als Grundlage für weitere Forschung oder zur Praxisanwendung dienen?
Im Artikel zum empirischen Forschungsprozess gehen wir ausführlich auf jeden dieser Arbeitsschritte ein.
Quelle und Literaturtipp:
Raithel, Jürgen (2008). Quantitative Forschung. Ein Praxiskurs. 2. Auflage. Wiesbaden: VS Verlag für Sozialwissenschaften.
Welche Methoden gibt es in der empirischen Sozialforschung?
Jede wissenschaftliche Fachrichtung entwickelt ihre eigenen Methoden zur Datenerhebung. Die Wahl für ein bestimmtes Erhebungsinstrument hängt dabei immer von deiner spezifischen Forschungsfrage ab.
Die Sozialforschung als empirische Disziplin arbeitet – wie auch andere empirische Wissenschaften – mit quantitativen und qualitativen Forschungsmethoden. In dieser kurzen Übersicht haben wir für dich die wichtigsten Methoden aus der einschlägigen Fachliteratur zusammengefasst.
Unsere Literaturtipps zum Nachschlagen:
Brosius, Hans-Bernd et al (2009). Methoden der empirischen Kommunikationsforschung. Eine Einführung. 5 Auflage. VS Verlag für Sozialwissenschaften: Wiesbaden.
➔ siehe vor allem das Kap.1, S. 17 - 46: “Was sind Methoden, was ist Empirie?”
Hunziker, Alexander W. (2013). Spass am wissenschaftlichen Arbeiten. So schreiben Sie eine gute Semester-, Bachelor- und Masterarbeit. 5. Auflage. Zürich: SKV.
➔ siehe vor allem das Kap.V, S. 74 - 110: “Methoden der Sozialwissenschaften”
Quantitative und qualitative Forschungsmethoden der empirischen Sozialforschung
- Bei einem quantitativen Verfahren werden empirische Beobachtungen über ausgesuchte Merkmale systematisch und mit möglichst vielen Daten bzw. Zahlenwerten belegt, um ein allgemeingültige Zusammenhänge zu messen.
- Ein qualitatives Verfahren ist an komplexen, subjektiven und detaillierten Begründungen zu einem spezifischen Forschungsgegenstand interessiert.
Unsere umfassenden Artikel zu quantitativen und qualitativen Erhebungsinstrumenten helfen dir dabei, die richtige Methode für deine empirische Sozialforschung zu finden!
Methoden der empirischen Sozialforschung: Quantitativ vs. qualitativ
Weiterführende Literatur:
Balzert, Helmut et al. (2011). Wissenschaftliches Arbeiten. 2 Auflage. Berlin/Dortmund: Springer Campus.
Brosius, Hans-Bernd et al. (2009). Methoden der empirischen Kommunikationsforschung. Eine Einführung. 5 Auflage. Wiesbaden: VS Verlag für Sozialwissenschaften.
Häder, Michael (2010). Empirische Sozialforschung. Eine Einführung. 2 Auflage. Wiesbaden: VS Verlag für Sozialwissenschaften.
Hunziker, Alexander W. (2013). Spass am wissenschaftlichen Arbeiten. So schreiben Sie eine gute Semester-, Bachelor- und Masterarbeit. 5. Auflage. Zürich: SKV.
Kromrey, Helmut (2002). Empirische Sozialforschung: Modelle und Methoden der standardisierten Datenerhebung und Datenauswertung. 10. Auflage. Opladen: Leske + Budrich.
Raithel, Jürgen (2008). Quantitative Forschung. Ein Praxiskurs. 2. Auflage. Wiesbaden: VS Verlag für Sozialwissenschaften.
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